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0 Autor: Anke Hügler

Tomahawk - Tonic Immobility

Tonic Immobility
  • VÖ: 26.03.2021
  • Label: Ipecac/Pias/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 337 - Schönheit der Ausgabe - Platte des Monats

Acht Jahre sind seit dem bislang letzten Album vergangen, neu erfinden müssen sich Tomahawk deshalb nicht – immerhin ist alles, was es zu einem guten Album braucht, schon irgendwo in der Diskografie und Mike Pattons Wirrkopf angelegt.

Abgesehen von Faith No More gelten Tomahawk gemeinhin als zugänglichstes Exemplar in Pattons Liebhabersammlung an Irrsinns-Projekten. Dabei muss neben Mr. Bungles galoppierendem Wahnsinn und den nicht minder herausfordernden Ausformungen desselben bei Fantômas und Tetema natürlich alles latent normal wirken. Ganz zu schweigen von Peeping Toms skurrilem Halbwelt-TripHop oder Pattons Solo-Diskografie, man erinnere sich etwa an die Italo-Pop-Platte "Mondo Cane" (2010). Unbestreitbar bleibt in jedem Fall, dass Tomahawk ihren Anteil an der Patton'schen Seltsamkeit haben, auch wenn dieser Umstand dem bisher aktuellen Studioalbum "Oddfellows" (2013) nur in seinen spannendsten Momenten anzuhören war. Auf "Tonic Immobility" bedient sich die Supergroup, in der neben Frontmann Patton dessen Mr. Bungle- und Fantômas-Kollege Trevor Dunn, der ehemalige The Jesus Lizard-Gitarrist Duane Denison und Ex-Helmet-Schlagzeuger John Stanier spielen, dafür umso ausgiebiger bei neuen und alten Kuriositäten.

"Howlie" etwa kombiniert die Wildwest-Romantik von "I Can Almost See Them" von "Oddfellows" und "Aktion 13F14" von "Mit Gas (2003)", dem zweiten Album der Band, mit lässigen Bossa-Nova-Rhythmen. Darüber hört man den Ennio-Morricone-Fan Patton unerschrocken sein "Get off my land" raunen, heulen und endlich auch wieder richtig kreischen. Andere Töne schlägt "Doomsday Fatigue" an, das sich mit seiner zwielichtigen Bass-Linie und trostlosen Jazzbar-Atmosphäre ironisch im Weltuntergangs-Ennui der neuen 20er suhlt. In "Predators And Scavengers" gibt Patton schließlich ein paar Gesangsexperimente zum Besten, die wie eine Persiflage auf Kim Gordons ultra-ätherisches Timbre klingen – nur um im Refrain den Titelsong einer Art Wildlife-James-Bond anzustimmen. Die Songidee stammt dabei von Gitarrist Denison, den das heimliche Treiben von Fuchs, Luchs und Vögeln im heimischen Garten zu einer Reflexion über das menschliche Miteinander inspiriert haben soll: Raubtiere und Aasfresser, survival of the sickest.

Die Single "Business Casual" gibt sich ebenfalls gesellschaftskritisch, auch wenn bei einer Hook wie "High cholesterol, business casual" letztlich unklar bleiben muss, ob sich der Alternative-Metal-Anschlag nun gegen einen Zeitgeist der Selbstoptimierung a.k.a. Selbstausbeutung richtet oder gegen so etwas wie den vermeintlich gesunden Menschenverstand. Textzeilen wie "Ancient pornography/ Has come back/ With tomorrow's comedy/ They meet in three/ In the voodoo dome of empty calories" lesen sich jedenfalls wie Dada-Glanzleistungen, für die selbst Kurt Schwitters noch ein paar Unsinnsworte der Anerkennung übriggehabt hätte. Spätestens, wenn Patton in "Dog Eat Dog" abwechselnd seine schönste "cutie doggie voice" und kläffende Lautmalereien zum Besten gibt, dürfte klar sein, dass dieses Album zugleich scharf- und blödsinnig, elaboriert und improvisiert sein kann. Genau, wie man sich das von einer Platte von und mit Patton eben idealerweise vorstellt.

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