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0 Autor: Gerrit Köppl

Shame - Drunk Tank Pink

Drunk Tank Pink
  • VÖ: 15.01.2021
  • Label: Dead Oceans/Cargo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 334 - Schönheit der Ausgabe

Shame stecken wie so viele in einer Sinnkrise. In der Isolation festigt sich ihr wiedererkennbarer Sound.

Vor fast zwei Jahren legt diese junge Band aus dem Süden Londons mit "Songs Of Praise" ein fantastisches Debüt vor, das perfekt zum Zeitgeist passt, den parallel Bands in ihrem Umfeld wie Idles oder Cabbage aufgreifen. Es verschafft ihnen Aufwind, Lob von der Presse, immer größer werdende Touren – genau wie bei ihren Zeitgenossen. Und ähnlich wie bei der Fontaines D.C. folgt eine Sinnkrise. Allerdings nicht wegen des Drucks aufgrund des Erfolgs, sondern wegen dieser Pandemie, die das Abenteuer von Frontmann Charlie Steen und seiner Band von jetzt auf gleich beendet. Angeblich zieht Steen in einen geräumigen Wandschrank um, damit er in der Stille der Isolation über den drohenden Koller nachdenken und ihn dekonstruieren kann. Aus einzelnen Versen, die er ähnlich giftig herausrotzt wie auf dem Vorgänger, lässt sich das herauslesen: "Change the sheets on my bed/ I wanna smell fresh linen/ Will this day ever end?/ I need a new beginning", posaunt er in "Nigel Hitter". In "March Day" stammelt er: "In my room, in my womb is the only place I find peace/ All alone in my home, yet I still can't get to sleep". Zusammen mit der zappeligen und krumm getakteten Musik klingt es, als würde er wahnsinnig grinsend seinen Kopf wiederholt gegen die Wand schlagen, bis das Blut auf den Zettel mit seinen Texten tropft. Die Songs auf "Drunk Tank Pink" sind entweder hektisch und dissonant vertonte Fieberträume mit Noise-Kante oder zurückgelehnte Post-Punk-Jams mit Sonnenbrille auf der Nase. "March Day" und "Snow Day" sind von der ersten Sorte und so sehr Steen ihnen mit seiner Präsenz manchmal die Show stiehlt – die Kreativität, die seine Band musikalisch an den Tag legt, ist bemerkenswert. Die Gitarren sind extra ungewöhnlich gestimmt, um ihre Benutzer zu abseitigen Melodien zu inspirieren, das Schlagzeug so wild und komplex, als würde Drummer Charlie Forbes ein andauerndes Jazzsolo spielen. Der angezerrte Bass prescht motorisch durch die Stücke. In den lässigen Gegenentwürfen wie "Water In The Well" oder "Human, For A Minute" hört man Einflüsse von den Talking Heads und Funk. Steens Worte wirken trotz der melodischen Fassade nicht weniger gestört. Im fast siebenminütigen Closer "Station Wagon" dreht er in einer flammenden Spoken-Word-Predigt völlig frei, während sich die Musik mit Gitarrenfeedback und Hacken auf Klaviertasten in die Höhe schraubt. Die Platte endet mit dem gleichen Geräusch, mit dem sie beginnt. Der Spuk ist eben noch nicht vorbei. Doch nur so konnte dieses starke zweite Album entstehen.

Leserbewertung: 8.0/12

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