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Julien Baker - Little Oblivions

Little Oblivions
  • VÖ: 26.02.2021
  • Label: Matador/Beggars/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 336 - Schönheit der Ausgabe

Es war abzusehen: Julien Baker klingt jetzt wie eine Band. Der breitformatige Singer/Songwriter-Pop von "Little Oblivions" ist aber nur die halbe Wahrheit.

Bereits auf ihrem zweiten Album "Turn Out The Lights" hatte Baker 2017 begonnen, ihre fragile Singer/Songwriter-Kunst üppiger auszustatten und in Szene zu setzen. Die neue Platte hält dahingehend nichts mehr zurück: Die 25-Jährige hat im Studio nicht nur Gitarre und Klavier gespielt, sondern auch Bass, Schlagzeug, Synthesizer, Mandoline und Banjo dazugeholt. Zum resultierenden Bandsound baut die Leadsingle "Faith Healer" die perfekte Brücke: Vorne erklingt noch Bakers charakteristisches Telecaster-Fingerpicking, schon nach kurzer Zeit aber schieben sich Synthies und sanfte Drum-Akzente darunter, während die Künstlerin von Sucht und Erlösungsfantasien singt und am Ende alles ganz groß und weit wird. So vollmundig schwillt nicht jeder Song auf "Little Oblivions" an, aber es gibt eben auch keinen mehr, der noch ernsthaft klein oder intim klingt: Auch die sterbensschöne Akustikgitarren- und Banjo-Serenade "Heatwave" verströmt mit jedem Snare-Schlag Selbstbewusstsein, selbst die vereiste Klavier-Ballade "Song In E" mit ihren tollen Kopfstimmen-Spitzen klingt statt nach Kellerclub nach 3.000er-Venue. Für die scheinen viele der übrigen Stücke ohnehin gemacht, die mit ihren wattigen Synthie-Flächen, Drum-Machine-artigen Beats und untergehobenen Effekten Bakers Selbstzweifel deutlich poppiger als zuvor vertonen. Im grandiosen Opener "Hardline" hat man nach 50 Sekunden kurz Sorge, die einsetzende 4/4-Bassdrum würde die Künstlerin endgültig in den Mainstream entführen; zum Glück überlegt die es sich anders und läutet stattdessen kurz darauf ein tosendes Finale ein. Es gibt weitere solcher Augenblicke, wo man als Hörer zweifelt, ob man sie nicht gern "pur" gehört hätte. Baker aber steht sie fast alle - weil ihre emotionale Stimme stets so allumfassend über den Songs schwebt, dass denen auch die glatteren Momente wenig anhaben können. "Repeat" etwa droht irgendwann in den Pop abzudriften, doch Baker lässt den Song nicht los, singt ihn mit so großem Gefühl, dass er bis zur letzten Sekunde sein Herz bewahrt. Der eigenen Kunst so konsequent neue Räume zu öffnen, ohne dabei ihre Anziehungskraft zu opfern - das ist so zuletzt höchstens Kollegin Phoebe Bridgers gelungen, die hier gemeinsam mit der dritten Boygenius-Stimme Lucy Dacus Background-Gesang zur warmen Song-Umarmung "Favor" besteuert. "Little Oblivions" ist damit wieder kein zweites "Sprained Ankle" (2015) geworden - und offenbart doch genau wie jenes die Seele einer großen Künstlerin.

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