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0 Autor: André Bosse / Dennis Drögemüller

Chamberlain - Red Weather

Red Weather
  • VÖ: 30.11.2020
  • Label: Arctic Rodeo/Broken Silence
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 333

Vier-Ohren-Test

Eine erfolgreiche Neuerfindung der ehemaligen Midwest-Emo-Helden als Heartland-Rockband erster Güte. Wer 1996 traurig und verzweifelt war, hörte Texas Is The Reason, American Football, Sunny Day Real Estate, Jimmy Eat World und – Chamberlain. Deren Album "Fate’s Got A Driver" gehört zu den Klassikern des Midwestern-Emo-Genres, die Sehnsucht nach Liebe und Verständnis dröhnt aus jedem Ton der Platte, ein Stück heißt "The Simple Life", doch das einfache Leben bleibt eine Utopie. Seitdem ist sehr viel Zeit gegangen, aus den schlanken Jungs von damals sind Männer geworden: Bärte, Bauch und Glatze – also doch irgendwie "The Simple Life". 2010 ging die Band auf Tour mit The Gaslight Anthem, weitere zehn Jahre später gibt es eine neue LP. Wichtigste Botschaft: Chamberlain wärmen nichts auf. Die Sehnsucht klingt anders auf "Red Weather", nicht mehr nach arrogantem Selbstmitleid, sondern nach der Sorge um die gemeinsame Zukunft. Das klingt an manchen Stellen kitschig und nach Stadien, die Chamberlain im Leben nicht mehr füllen werden. Aber was wäre Heartland-Rock, wenn er nicht versuchen würde, die Reihen zu schließen? Wobei ein Song wie "Not My War" das gleiche schöne Gefühl wie damals erzeugt: Niemand auf dieser Welt ist allein.
9/12 André Bosse

Die U2-isierung des Folkrock lief ja auch echt schleppend, gut, dass Chamberlain da noch mal nachsetzen. Mumford & Sons, Kings Of Leon, The Gaslight Anthem – sie alle hatten mal das Heartland im Blut und dann die Nonsens-Idee, dass Synthie-Teppiche und Pop-Glitzer gut dazu passen würden. Trotz ihrer Fehlgriffe bieten alle drei aber bis heute zumindest Wiedererkennungswert – im Gegensatz zu Chamberlain: Gleich den Opener "Not Your War" tapezieren Prärie-Orgel und Gitarre komplett generisch, es riecht nach Snow Patrols "Chasing Cars", alles ist von einer wonnigen Farblosigkeit durchzogen. Vor allem Sänger David Moore riskiert nichts, wirft sich nicht in die vielen angedeuteten Hymnen, bleibt stattdessen bei gefälligem Mittelmaß. So will er dann mit dem blutarmen War-On-Drugs-Rip-off "Calling All Cars" in Richtung Adam Granduciel, landet aber bei Chris Martin. Der Titelsong wiederum bedient sich am Springsteen von "Ghost Of Tom Joad", macht daraus aber entkernten High-Tech-Country. Überhaupt klingt alles irgendwie stromlinienförmig, überpoliert und emotional untermunitioniert – man hört viel, spürt wenig. Auf der Haben-Seite verbucht "Red Weather" immerhin blitzsauberes musikalisches Handwerk. Sowas liest man über gute Platten nie? Eben.
5/12 Dennis Drögemüller

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