Zur mobilen Seite wechseln
0

Fleet Foxes - Shore

Shore

Baden im amerikanischen Wasser, die Beach Boys im Herzen: Fleet Foxes liefern erneut ein Meisterwerk.

Vereinfach bezeichnet man das Äquinoktium als Tagnachtgleiche, die Bedeutung steckt im Wort: Zweimal im Kalenderjahr gibt es einen Moment, an dem Tag und Nacht gleich lang sind. Im März beginnt der Frühling, im September der Herbst. Bereits die alten Zivilisationen feierten diese Tage; Fleet Foxes-Chef Robin Pecknold hat sich die Tagnachtgleiche 2020 als Veröffentlichungsmoment des vierten Albums seiner Band ausgesucht: "Shore" erscheint am 22. September, Punkt 15:31 Uhr. Dass die Fleet Foxes an einer neuen Platte arbeiten würden, war bis dahin nur ein Gerücht, das der Hauptsongschreiber und Sänger durch Hinweise bei Solokonzerten vor der Pandemie gestreut hatte. Nun liegt "Shore" vor, ein Album, das mehr als die drei Alben davor eine Soloangelegenheit ist. Mit der Arbeit an den Liedern begann Pecknold schon 2018, die letzten Worte schrieb er im Sommer dieses Jahres: Erst der erzwungene Break im Zuge der Pandemie habe ihm genug Ruhe gegeben, Texte für diese Songs zu finden, die zuvor monatelang ohne Lyrics im Raum standen wie leere Blätter, die sich niemand zu bemalen traute. Woran es lag? Der Songwriter thematisiert es in "Sunblind", dem zweiten Stück von "Shore": Geblendet fühle er sich von der Brillanz derjenigen Landsleute, die bereits verstorben sind, von Richard Swift und David Berman, Arthur Russell und Jeff Buckley. Dann aber findet er die Metapher des "warm American water", einem Pool des musikalischen Erbes, in dem sich Pecknold treiben lässt. Keine Frage, Pecknold nimmt die Musik sehr ernst. Doch dann läuft "Shore" – und nach einigen Minuten des Abtastens ist da wieder diese flächige Leichtigkeit dieser Musik. Dieser Raum, in dem alles im Aufwind der Melodien und Gesänge zu schweben beginnt. "Can I Believe You?" heißt der Initialsong, er besitzt rund um Minute drei einen runtergedimmten Part, der zunächst keinen Sinn ergibt, bis er dann vom Ursprungsriff erlöst wird: im Grunde eine Folkrock-Gitarrenfolge, doch an dieser Stelle besitzt sie mehr Wirkung als alle Power-Chords der Welt. Wie auf dem dritten Fleet-Foxes-Album "Crack-Up" unternimmt Pecknold Experimente: "Jara" hat einen kaum erklärbaren Rhythmus, "Quiet Air/Gioia" inkludiert ein Jazz-Thema, für "Cradling Mother, Cradling Woman" nutzt Pecknold ein Sprachsample von Brian Wilson und entwickelt daraus einen majestätischen Art-Pop-Shuffle. Noch stärker an die Beach Boys erinnert "Going-To-The-Sun Road": komplexe Harmonien, Cembalo und umherschwirrende Bläser, die Gaststimme von Tim Bernardes auf Portugiesisch – perfekte Folkrock-Exotica.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte bewerten möchtest.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte kommentieren möchtest.