Zur mobilen Seite wechseln
0 Autor: Sascha Krüger

Puscifer - Existential Reckoning

Existential Reckoning
  • VÖ: 30.10.2020
  • Label: Alchemy/Puscifer/BMG
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 332 - Schönheit der Ausgabe

Am Anfang waren nur Beats und Melodien. Das hört man: Puscifers viertes Album dürfte zu den Elektrorock-Platten gehören, die poppige Wärme und rhythmisch Zerfahrenes am Dringlichsten verbinden. Was nicht die einzige Überraschung ist.

Eine weitere ist, dass sich Maynard James Keenan, der Puscifer ja einst als seinen elektrorockmusikalischen Abenteuerspielplatz gründete und lange als einziges konstantes Mitglied galt, auf diesem Album zum "Special Agent in Training" degradiert, während seine beiden Mitstreiter Mat Mitchell und Carina Round als "Special Agent in Charge" vorgestellt werden. Das ergibt insofern Sinn, als die beiden Musiker, die man mittlerweile wohl ebenfalls als feste Mitglieder bezeichnen darf, einen Großteil der Songwriting-, Gesangs- und Produktionsarbeit leisten. Rounds häufig vielstimmiger Gesangsbeitrag etwa ist auf das ganze Album gesehen deutlich umfangreicher als der von Keenan, nicht wenige Songs kommen sogar ganz ohne seine Stimme aus (was wohl auch dem Umstand geschuldet ist, dass der Löwenanteil der Aufnahmen parallel zur Fertigstellung des aktuellen Tool-Albums über die Bühne ging). Der ausgezeichneten Qualität der Platte tut dies aber keinen Abbruch; es passiert viel, jeder Song ist ein Unikum, besitzt enorm zugängliche Momente ebenso wie geschmackvollen, oft die Hörgewohnheit überraschenden Minimalismus in Arrangement, Rhythmik und instrumentaler Ausgestaltung. Ebenso reichhaltig ist die Klangästhetik: Die klassischen Rockinstrumente wie Gitarre und Bass bestechen mit einem selten vielseitigen Einsatz von regelrechten Verzerrer-Armadas, während die häufig dominierenden Synthesizer so ziemlich alles ausloten, was es zwischen Jean-Michel-Jarre-Electro-Klassik, Nine-Inch-Nails-Geknarze, Krautrock-Ambient, 80s-Wavepop, Drum'n'Bass-Wummerbässen, 8-bit-Computerspielen und modernem Downbeat so zu entdecken gibt. Das eingangs erwähnte "Agent"-Narrativ hat natürlich ebenfalls einen Hintergrund: Die Songs des Albums werden zusammengehalten von einer übergeordneten Geschichte über einen von Aliens entführten Tramp und Weinsäufer namens Billy D, den zu befreien nur über eine skurrile metaphorische "Myzel"-Technik gelingen könnte, die Mathematik, Leidenschaft, Kunst und Ordnung miteinander kombiniert - womit letztlich auch Ästhetik und Ansatz dieser Platte griffig umschrieben wären. Eine letzte Überraschung findet sich darin, dass "Existential Reckoning" früher veröffentlicht wird, als lange angekündigt: Ursprünglich sollte dieses Album erst 2021 erscheinen. Das wiederum ist in der Musikwelt von Keenan nun wirklich eine Sensation.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte bewerten möchtest.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte kommentieren möchtest.