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All Them Witches - Nothing As The Ideal

Nothing As The Ideal
  • VÖ: 04.09.2020
  • Label: New West/Pias/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 330 - Platte des Monats

Erst ein Album quasi ins Nichts produziert und es dann noch zu lange an der Kette gehalten: All Them Witches sind zwar unglücklich über die Umstände, aber insgeheim doch zufrieden, ein weiteres brillantes Album aufgenommen zu haben. Diesmal sogar in den Abbey Road Studios.

Wer streiten will, kann das tun. Ist "Nothing As The Ideal" das beste Album von All Them Witches? Wie soll das gemessen werden? Und inwiefern wären die bisherigen nennenswert schwächer? Denn: Aussetzen kann man an den fünf Alben zwischen 2012 und 2018 nicht wirklich etwas. Die vier-, neuerdings dreiköpfige Band war schon immer gut darin, ihr Blues-Gerüst mit expandierender Psych-Atmosphäre aufzuladen, hartes Stoner-Riffing mit akustischem Folk kollidieren zu lassen. Daran hat sich auf "Nothing As The Ideal" nichts geändert. Was sich geändert hat, sind zwei Dinge: Keyboarder Jonathan Draper steuert keine Akzente mehr bei. Überraschenderweise fällt das nicht ins Gewicht. Die Songs von All Them Witches bleiben auch ohne Tasten enorm vielschichtig. Das andere Novum ist, dass die Band nicht im eigenen Studio in Nashville gearbeitet hat, sondern in den legendären Studios in Londons Abbey Road. Dort stand ihnen teures Equipment zur Verfügung, was aber auch nicht dafür gesorgt hat, dass die Songs nun anders oder gar besser klingen. Die Musik von All Them Witches hat schon zuvor grandios geklungen.

Im Pandemie-Vakuum haben die drei talentierten Musiker - Gitarrist Ben McLeod, Bassist und Sänger Charles Michael Parks jr. und Schlagzeuger Robby Staebler - eine Platte produziert, die sich mit ihren acht Songs Zeit zur Entfaltung nimmt. Auch das ist nicht neu, vielleicht waren All Them Witches nur noch nie so gut darin, Pink Floyd-mäßig zu mäandern, ihren Songs lange, ominöse Interludes voranzustellen. Und das gleich mehrfach. Das eröffnende "Saturnine & Iron Claw" braucht anderthalb Minuten, bis es in die Gänge kommt - und dann alles bereithält, was man an der Band liebt: introvertierte Blues-Momente, dicke Riffs und Grooves, alles im ständigen Wechsel, bis der Song nach fast sieben Minuten verklingt. Doch All Them Witches können es noch ausschweifender. "See You Next Fall" beendet die A-Seite nach fast zehn Minuten, beginnt mit Loops und Sprach-Samples. Ohne fein eingewobene Field Recordings kommt auch das abschließende "Rats In Ruin" nicht aus. Das nimmt sich über neun Minuten, um zwischenzeitlich fast ganz innezuhalten - und sich dann zu verschachteltem Post-Rock aufzuschwingen.

Diese Mammut-Stücke bilden den Rahmen für eine Platte, die eine Band beim Freispiel zeigt, der man anmerkt, dass sie genau das macht, was sie möchte - und das ist nicht, Genre-Konventionen zu entsprechen. Klar, es gibt sie, die klassischen Crowd-Pleaser. Das schlanke "Enemy Of Mine" ist mechanisch groovender Stoner Rock, "Lights Out" richtig heavy, erinnert manchmal sogar an Ghost. Konsequent zwischen dem ruhigeren Pol und dem wohl härtesten Riffing, das die Band je gebracht hat, walzt und mäandert "41". Dass sie mit dem instrumentalen Everest noch eine zarte, fast mittelalterliche Nachtmusik unterbringen und "The Children Of Coyote Woman" sich als düsterer Western gibt, sind die i-Tüpfelchen, die All Them Witches zu einer der bemerkenswertesten Gitarrenbands der Gegenwart machen.

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