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0 Autor: Carsten Sandkämper

Nine Inch Nails - Ghosts V: Together

Ghosts V: Together

Aus einer Sammlung von elektronischen Feldversuchen zwei konsistente Alben zu stricken, ist ein Himmelfahrtskommando. Aber was tut man nicht alles, um Zeit totzuschlagen.

Dachten sich Trent Reznor und Atticus Ross, schlossen sich elf Jahre nach "Ghosts I-IV" erneut in ihrem Studio ein und kamen erst wieder heraus, als sie über 80 Minuten zusammen hatten. Wenn man es oberflächlich betrachtet, ist ein wildes Gemetzel zwischen Ambient und schiefen Klavierimprovisationen entstanden, bei näherer Betrachtung zwei in ihrem Wesen grundverschiedene Platten. Die Titel sind Programm: "Together" streckt die Hand aus, "Locusts" schlägt sie aus. Das kontemplative "Ghosts V" setzt vollkommen auf Sphäre und affirmative Melodien, die so etwas wie Seelenfrieden eine Stimme geben sollen. 10-minütige minimalistische Synthesizerflächen und pluckernde Sequencer erinnern so gar nicht an die schroffen Experimente, die Reznor 2008 mit Ross, Adrian Belew, Alan Moulder, Alessandro Cortini und Brian Viglione gemacht hatte. "Out In The Open", "With Faith", "Still Right Here" oder "Letting Go While Holding On": Songtitel, die Hoffnung verheißen und ziemlich genau das beschreiben, was drinsteckt. "Together" ist eine Meditation, die das harmonische Gesamtwerk Reznors in Zeitlupe Revue passieren lässt, ganz unironisch, ohne einen Hauch von Zynismus. Dabei fällt der Faktor Zeit dem Album an ein paar Stellen auf die Füße, wenn man mit einem natürlichen Maß an Ungeduld gesegnet ist. Reznor hat das Talent, seine Songstrukturen mitunter so bombensicher zu gestalten, dass man hin und wieder denkt, dass man diese Melodie inzwischen aber dann doch verstanden hat. In diesen Momenten hilft es, sich daran zu erinnern, dass es sich bei "Ghosts" um einen fortschreitenden Prozess handelt, eine akustische Versuchsanordnung und kein reguläres NineInch-Nails-Album. "Locusts" derweil stößt vor den Kopf, ist wesentlich weniger zusammenhängend und ergeht sich in industriellen Soundscapes. Die jeweiligen Tracklängen schwanken zwischen einer und 13 Minuten. Es geht weniger um Harmonie, denn um Geräusche und deren Sequenzierung. Die fragmentarischen Klangcollagen und eine sehr düstere Grundstimmung werfen die Frage auf, ob dieses Album in Zeiten einer Pandemie tatsächlich willlkommen ist. Zumindest kann man sich sehr leicht vorstellen, wie Angstzustände beim Hören von "Ghosts VI" eher verstärkt werden. Für Menschen, die nach einem Licht am Ende des Tunnels suchen, bleibt die dringende Empfehlung, "Ghosts VI" vor "Ghosts V" zu hören, um aus den Untiefen einer artifiziell anmutenden Dystopie in den Wolken-und Flugzeug-freien Himmel aufzusteigen.

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