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Turbostaat - Uthlande

Uthlande
  • VÖ: 17.01.2020
  • Label: Pias/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 323 - Platte des Monats

"Uthlande" sind die Inseln, Halligen und Marschen vor dem nordfriesischen Festland – das perfekte Sinnbild für Turbostaat, um klug über das Leben in Opposition zur Mehrheitsgesellschaft zu reflektieren.

Wohin man gehört und wohin sicher nicht, darum ging es in den kryptischen Textwelten der Husumer Deichpunks immer irgendwie – auf den frühen Platten noch als impulsives Stürmen und Drängen, später dann in Form eines präzisen Blicks darauf, wo der Horror in den gesellschaftlichen Verhältnissen sitzt: "Stadt der Angst" (2013) war Turbostaats Dystopie über die engherzige Spießer-Hölle zwischen Banklehre und Fremdenhass, in der schon die Vorahnung des Rechtsrucks der kommenden Jahre steckte; "Abalonia" (2016) stellte vor dem Hintergrund von Flucht und Migration dann die Frage nach Menschlichkeit und Heimat.

Auf der neuen Platte geht es nun nicht mehr zuerst um die scharf beobachteten Anderen, getreu dem John-Donne-Wort "Niemand ist eine Insel" setzt sich die Band ins Verhältnis: In die entrückte Kindheitserinnerung der mild fließenden Single "Ein schönes Blau" bricht bald die Realität ein, in Form von Schlägen der Kleinstadt-Nazis. Im poppigen "Brockengeist" steht am Ende die Flucht aus einer kalten Popkultur, im Geiste von Ton Steine Scherben: "Wir mussten hier raus!" Das punkig eingezählte "Heilehaus" skizziert unromantisch, was es heißt, Tag für Tag in der AZ-Gegenkultur gegen den Strom zu schwimmen. Und der zornige Hit "Rattenlinie Nord" – als "Pestperle"-Erbe der wohl unmissverständlichste Turbostaat-Song ever – wirft sich dem Kreislauf aus völkischem Erwachen, Vernichten und Verdrängen geradezu körperlich entgegen.

Die "Uthlande" aber sind mehr als Punk-politische Selbstverortung. Sie sind auch die stolzen Außenseiter der Gesellschaft: das Husumer Bäuerinnen-Original "Stine", der von Krankheit umwölkte Mensch in "Meisengeige", das verlachte Unikat aus "Luzi" und seinem runtergebremsten, Kinderchor-verzierten Schwesterstück "Stormi". Und sie sind auch diese norddeutsch-universellen, mystischen Turbostaat-Orte wie das ländliche "Schwienholt", weltvergessen und voller märchenhafter Furcht. "Hemmingstedt", wo in der Nacht ein Öl-Raffinerie-Monster sein Gift in die Umwelt feuert. Und "La Hague", das eigentlich Geesthacht meint, wo das AKW Krümmel die Angst vor der Leukämie im Nacken hochkriechen lässt.

All das erzählen Turbostaat im Tonfall derer, die wissen, dass es sie etwas angeht, auch mit ihnen zu tun hat. Und mit einer für Bandverhältnisse sprachlichen Klarheit, zu der ein Sound passt, der mehr als 20 Bandjahre auch musikalisch zur Synthese führt: Manchmal ahnt man noch die rüpelige Punkband von "Flamingo" (2001), und im Vergleich zu den komplexeren, verspielteren Momenten von "Abalonia" ist "Uthlande" auch geradliniger ausgefallen. Oft aber lassen Turbostaat ihre Kraft mittlerweile in einem luftigen, dezent melancholischen (Post-)Punkrock aufgehen, in dem etwa der sehnsüchtige Band-Backgroundchor von "Schwienholt" ganz natürlich neben Jan Windmeiers deklamierendem Rufgesang steht. So klingt "Uthlande" differenziert und erwachsen, trotzdem unbeugsam und widerständig, dabei immer auf einfühlsame Weise mitreißend. Nicht nur Turbostaat selbst wird man daran noch messen.

Leserbewertung: 10.5/12

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