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0 Autor: Martin Burger

Bent Knee - You Know What They Mean

You Know What They Mean
  • VÖ: 11.10.2019
  • Label: Inside Out/Sony
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 320 - Schönheit der Ausgabe

In der Überzahl scheinen sie, die Pessimisten und die Spötter, denen zufolge Gitarrenmusik bestenfalls dahinsiecht und schlimmstenfalls sechs Fuß unterm Zeitgeist verrottet. Sollte demnächst wieder einer von ihnen sein Mundwerk nicht im Zaum halten können: hier ist der Knebel.

Dynamik, Timbre, Legato, Stakkato, Vibrato, Timing, Atmung – die Parameter und Techniken, über die Bent-Knee-Sängerin Courtney Swain spricht, wenn es um ihre Profession geht, lesen sich wie Kursüberschriften auf einem Semesterplan. Allerdings kann sie auch innerhalb weniger Minuten anschaulich erklären und demonstrieren, warum sie wann wie singt, sodass abseits der grauen Theorie klar wird, wie es sein kann, dass ein und dieselbe Songzeile an verschiedenen Tourtagen wahlweise Argwohn oder Verdruss ausdrückt. Beim stimmlichen Vermitteln von Emotionen sind Nuancen entscheidend, und Swain ist Meisterin über sie alle. Sie umgarnt mit einem lieblichen Flüstern oder hält gefangen in der Eisernen Jungfrau ihres Furors; vermeidet konsequent Kitsch und nutzt Effekte sparsam. Ihr zur Seite steht vor allem Gitarrist Ben Levin, der offenbar die Spielfreude von Gitarren-Gurus wie Guthrie Govan (Steven Wilson, The Aristocrats) und Omar Rodriguez-Lopez (The Mars Volta) verinnerlicht und sich im Zuge dessen auch optisch angepasst hat. Mit ihm gründete Swain 2009 Bent Knee ("Ben" plus "Courtney" minus "Cour"), sie und er stehen einer kreativen Kraft vor, in der E- und U-Musik, Kunstfertigkeit und purer Noise, Avantgarde und Pop, Logik und Instinkt, Ernsthaftigkeit und Humor verschmelzen. Eigentlich müsste der Käseprog-Dachverband Inside Out mit Thrill Jockey, Equal Vision und Drag City zu einem Super-Weirdo-Label fusionieren, damit das Signing von Bent Knee irgendeinen Sinn ergäbe. Standen auf dem zwei Jahre alten Vorgänger Land Animal noch ausgeklügelte Struktur und Lautstärkewechsel wie beim Titelsong im Vordergrund, trumpft "You Know What They Mean" mit einer Live-Atmosphäre auf, die durch das Intro "Lansing" und das Interlude "Lovell" noch verstärkt wird – und damit eine Spontanität ausstrahlt, wie sie im Prog-Kontext eher selten vorkommt. Neu ist, dass Levin dauerhaft Gefallen an Distortion-Pedalen gefunden hat; gewohnt wunderbar wieder, dass packende Alt-Metal-Riffs ("Bone Rage", "Cradle Of Rocks") und Electronica-Anleihen ("Hold Me In") Arm in Arm nebeneinanderstehen. Bent Knee wissen genau, was sie können, sind sich dessen aber so bewusst, dass sie bloßes Muckertum und Muskelspielchen mit der gesunden Lust am Experiment ersetzen und dabei stets ihre Songs unter Kontrolle halten.

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