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0 Autor: Kerstin Kratochwill

Chelsea Wolfe - Birth Of Violence

Birth Of Violence
  • VÖ: 13.09.2019
  • Label: Sargent House/Cargo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 318 - Schönheit der Ausgabe

Mit schlafwandlerischer Sicherheit und majestätischer Melancholie zieht uns Chelsea Wolfe in die düstere Electro-Goth-Folk-Welt ihres mittlerweile sechsten Albums.

Der Opener "The Mother Road" nimmt das Grundthema Angst und Veränderung auf. Wolfe erklärt, dass die letzten acht Jahre des permanenten Tourens sie ausgelaugt hätten und sie Angst hatte, einen Teil von sich selbst zu verlieren. Also schreibt sie dagegen an und singt in den ersten Zeilen schließlich die Worte: "Guess I needed someone to break me/ Guess I needed someone to shake me out". Gleichzeitig nimmt der erste Song aber auch mit auf die legendäre Route 66 und damit auf eine verheerende Reise in die aktuellen USA: Wolfe besingt darin dramaturgisch, ja fast chirurgisch aufgebaut eine schleichende "American Darkness" sowie eine beängstigende "Birth Of Violence" mit einer Intensität, die einen erschauern lässt angesichts der realen Massaker sowie der musikalischen Scharfsinnigkeit. Die Songs sind dabei weniger Metal-inspiriert als ihre früheren Arbeiten und stehen vielmehr im Spannungsfeld von amerikanischen Singer/Songwriter-Traditionen, verwoben mit Country oder Folk, sowie Klage- und Protestsongs, verfeinert mit Electronica, Wall of Sounds und tieftraurigen beziehungsweise tiefschwarzen Gothic-Elementen. Das Abarbeiten an Amerika war schon immer ein Kernelement ihrer Arbeit. Mal begegnete sie diesem "Heimat-Blues"-Gefühl mit Lo-fi-Schlafzimmerklängen wie auf dem Debüt "The Grime And The Glow", mal mit Electronica, mal mit sparsamen Arrangements und mal mit grimmigem Lärm wie auf dem wunderbaren Album "Pain Is Beauty" oder gleich brutalem Doom wie auf "Hiss Spun". Wolfe belässt es diesmal aber nicht mit der Kritik an Amerika, sie beklagt den gesamten jammervollen Zustand unseres Planeten, besonders eindrucksvoll ist das im spirituell angehauchten Song "Erde" gelungen. Damit wandelt Wolfe auf den Pfaden des dichten wie drängenden Funeral Pops einer Anna von Hauswolff und dem ätherischen wie gespenstischen Wave von Dead Can Dance. Mit gravitätischen Melodien und düsterem Ernst singt sie an gegen die Gier, das Patriarchat, die Vergiftung der Welt und der Gesellschaft und ist damit eine Mahnerin im Chor der wieder politischer werdenden Musik. Dass Wolfe dazu subtile Mittel sowie griffige Bilder – wie das der "Spider In Chernobyl" – wählt, macht "Birth Of Violence" noch drängender. Wie großartig wäre es da, wenn all der gegenwärtige Dreck und die omnipräsente Wut durch Musik weggewischt werden könnten – ganz so wie der wunderbare wie intensive Titel "When Anger Turns To Honey" es beschreibt?

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