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0 Autor: Andreas Schiffmann

Soundgarden - Live From The Artists Den

Live From The Artists Den
  • VÖ: 26.07.2019
  • Label: The Cornell Estate/UMe
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 317

Zwar schließt sich angesichts des Todes von Chris Cornell ein Kreis, wenn Soundgarden sechs Jahre alte Konzertaufnahmen veröffentlichen, die ihre gesamte Karriere umspannen, doch "Live From The Artists Den" ist viel mehr als eine posthume Würdigung.

29 Stücke in gut zweieinhalb Stunden, von denen die Band nur acht schon einmal in einem Konzertfilm verwendet hat – eine Handvoll mehr auf offiziellen Livealben – und die Absegnung durch Witwe Vicky Cornell machen etwaige Vorwürfe der Geldschneiderei unhaltbar, zumal das Quartett nicht bei irgendeinem Auftritt gefilmt wurde. Es handelt sich ums Finale der Tour zu "King Animal" im Rahmen einer preisgekrönten Reihe von Konzerten, die Künstler in besonderem Ambiente zeigt (in diesem Fall dem geschichtsträchtigen Wiltern Theatre in LA am 17. Februar 2013), wobei der Programmschwerpunkt auf dem Comeback-Album liegt. Nicht zuletzt deshalb seufzt man beim Schauen innerlich und hat Formulierungen auf den Lippen, die mit "Wäre doch bloß" beginnen, denn die Show steht beispielhaft für die Tragik jedes zu frühen Endes einer Band, die noch so viel zu sagen gehabt hätte. Natürlich kann man Cornell, dessen Gesicht aufgrund der relativ minimalistischen Beleuchtung lange im Schatten verborgen bleibt, mit seinen schulterlangen Haaren und Verrenkungen am Mikrofonständer zu einem weiteren Rockmärtyrer verklären; natürlich regen die Selbstironie und gute Laune des Verstorbenen Diskussionen über Suizid und Depressionen an, wenn er etwa die Abkürzung PBS kurzerhand als "public bitch session" auslegt und den Saal anstiftet, einschlägige Four-letter-words zu brüllen, oder behauptet, "4th Of July" drehe sich um einen schlechten LSD-Trip; und natürlich bekommt man wegen der Publikumschöre während "Outshined" Gänsehaut, weil er sie nie wieder singen wird. Wichtig wird diese Nachlese aber eigentlich erst dadurch, dass sie die Klasse der bis heute finalen Studioarbeit der Gruppe verdeutlicht. Wenn "Bones Of Birds", das den Kindern der Mitglieder gewidmet wird, einen stimmungsvoll ruhigen Teil des Sets einleitet, spiegelt es die Erhabenheit reifer Musiker über die Binsenweisheit wider, nur die Jugend könne authentischen Rock spielen. In diesem Sinn wirken das verquere "Crooked Steps" und das dringliche "Been Away Too Long" nicht weniger intensiv als "Drawing Flies" und "Rusty Cage", ja sogar lebendiger als die stoischen Groover "Flower" und "Incessant Mace" vom Debüt "Ultramega OK". Wünscht man sich deshalb, Querkopf Kim Thayil würde sich zum Weitermachen bewegen lassen, falls ihm wie Alice In Chains ein zweiter William DuVall über den Weg läuft? Zum 30. Jubiläum von "Louder Than Love" im September lesen wir uns wieder.

Leserbewertung: 8.0/12

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