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0 Autor: Jens Mayer

Bad Religion - Age Of Unreason

Age Of Unreason
  • VÖ: 03.05.2019
  • Label: Epitaph/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 314 - Schönheit der Ausgabe

Nicht den Kopf verlieren: Wenn der Mann im Weißen Haus sämtliche Werte verachtet, die in der DNA der kalifornischen Punkrocklegenden verankert sind, muss ihre Antwort entsprechend deutlich ausfallen.

Der Kopf von Michelangelos David auf dem Autositz. Eines der bedeutendsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte, Symbol der Renaissance – Ausgang der menschlichen Zivilisation aus dem finsteren Mittelalter, Zeitalter von Humanismus, Wissenschaft und individuellem Freiheitsverständnis. Auf dem Cover von "Age Of Unreason" liegt das Marmorhaupt erniedrigt auf der Beifahrerseite. Davids Kampf ist vorbei, ehe er begonnen hat. Wer für das siebzehnte Album der kalifornischen Punkrocker den (über-)mächtigen Gegner repräsentiert, ist unschwer zu erraten. In ihrer bald vierzigjährigen Historie trifft die Band um Greg Graffin und Brett Gurewitz auf ihren ultimativen Endgegner in Gestalt von Donald Trump. Eine Band, die Werte wie Vernunft, Wahrheit und Wissbegierde zu den Kernidealen ihres Schaffens erkoren hat und nun ganz offiziell mit dreister Selbstverständlichkeit mit "Alternativen Fakten" der Regierung und "Fake News" des US-Präsidenten konfrontiert wird. "I'll believe in god when 1 and 1 are 5", singt Graffin in Anlehnung an Orwells Dystopie-Klassiker "1984" seit zwei Jahrzehnten und "Sanity is a full-time job in a world that's always changing". Doch der gesunde Menschenverstand ist so sehr in Gefahr wie lange nicht, das rufen Bad Religion auch dieses Mal wieder mit ihrer Reminiszenz "My Sanity" in Erinnerung: "Sometimes there's no sane reason for optimism". Klingt verzweifelt, doch natürlich ist "Age Of Unreason" auch eine Kampfansage. Graffin beschwört die Klassiker, die Aufklärer und die Rationalisten: John Locke, Immanuel Kant, Karl Popper. Der längste Abstand jemals zwischen zwei ihrer Alben sei darauf zurückzuführen, dass man das starke Vorgängeralbum "True North" als Maßstab gesehen habe, erklären sie. Und natürlich schaffen sie es auch dieses Mal, ihren gewohnt schnellen, hypermelodischen Punkrock mit den unnachahmlichen Harmoniegesängen in zwei- bis dreiminütige Knallersongs zu verpacken, ob die nun "Chaos From Within", "Do The Paranoid Style", "End Of History" heißen oder mit gedrosseltem Tempo "Lose Your Head" oder "Candidate". "Faces Of Grief" ist zudem der wütendste Hardcorepunk-Kracher ihrer Geschichte. Im letzten Drittel schleichen sich dann aber doch einige solide Standards ein. Durch die gesellschaftlich-politisch brisante Zeit, in der es erscheint, könnte "Age Of Unreason" dennoch ihr wichtigstes Album werden. Denn ab jetzt es geht endgültig ums Ganze: "Threat is urgent, existential".

Leserbewertung: 9.8/12

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