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Brutus (BE) - Nest

Nest
  • VÖ: 29.03.2019
  • Label: Hassle/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 313 - Schönheit der Ausgabe

Brutus verlassen das Nest: Das zweite Album der Belgier verdaut Erfolg und Umbrüche mit Songs, die Punk, Post-Rock, Metal und Post-Hardcore noch mitreißender verschmelzen. Respekt gebührt vor allem Frontfrau Stefanie Mannaerts.

Die hat sich als Stimme der Band noch mehr gemacht, als das aus Löwen stammende Trio insgesamt: Ursprünglich war Mannaerts' Doppelrolle als Schlagzeugerin und Sängerin nur eine Notlösung. Was sie daraus machte, klang schon auf dem Debütalbum "Burst" sehr überzeugend, brachte aber noch nicht jene Entschlossenheit und Vielfalt mit, die sie nun auf Nest demonstriert. "Fire/ Burn them all/ I'm breaking your walls down", lauten die ersten Worte, die Mannaerts im Opener "Fire" schreit, und zwar mit solcher Dringlichkeit, dass es wie ein Ruf zu den Waffen klingt – und unter dem Zorn dennoch immer Zweifel, Melancholie und Mitgefühl durchscheinen. Das ist Mannaerts' große Qualität: Mit ihrer Stimme moderiert sie meisterhaft komplexe Emotionen entlang der Songstimmungen, integriert Euphorie, Sehnsucht, Trauer und Wut ineinander. In "Django" etwa treibt sie Band und Hörer zunächst punkig erregt und in höheren Registern nach vorn wie Mish Barber-Way bei White Lung, wechselt in den milderen Momenten aber zu einer sonor angekratzten Wärme, die flüchtig an Cristina Llanos von Dover erinnert – um am Ende beides im Wechselgesang mit sich selbst zu verbinden. Dazu flirrt wie eh und je die leicht unterkühlte Gitarre, die mal näher bei Punk und Post-Hardcore, mal näher bei Post-Rock landet, und Mannaerts trommelt gern mit urwüchsiger Wucht. Oft stürmen die Songs zunächst zackig los, um dann im Verlauf in weite Post-Rock-Parts zu münden; und auch das Album selbst stellt mehr stürmische Tracks nach vorn, um nach hinten raus Songs wie dem sphärisch-entrückten "Space" oder dem im Gitarrentremolo kollabierenden Epos "Sugar Dragon" Raum zu geben. In den vielen Ein-Wort-Songtiteln geht es dabei kryptisch um Themen wie Intimität und Vertrauen beziehungsweise deren Verlust im Kontext von Familie – was Blutsverwandte, Freunde und Band gleichermaßen meint. Sich weiterentwickeln und trotzdem den Kontakt zur eigenen Vergangenheit halten, von diesem Spannungsverhältnis erzählt "Nest". Besonders emotional erwischt einen das in "War", das erst zwei Minuten zu cleanem Gitarrenpicking Trauerarbeit für eine Beziehung leistet und dann im Hardcore/Post-Rock-Gefühlschaos zwischen Liebe und Hass die Sätze "Unleash your warmth" und "Unleash war" kaum noch unterscheiden kann. So klingen die Verluste, an denen man wächst, solange noch genug Nestwärme da ist. Und wie Brutus gewachsen sind.

Leserbewertung: 7.8/12

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