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0 Autor: Juliane Kehr

Greta Van Fleet - Anthem Of The Peaceful Army

Anthem Of The Peaceful Army

Greta Van Fleet beweisen einen unwahrscheinlichen musikalischen grünen Daumen und beackern das wenig fruchtbare Feld des Hard-Rock mit einer Energie und Hingabe, dass einem die Spucke wegbleibt.

Greta Van Fleet sind doch selbst noch zarte Pflänzchen auf dem Weg zum Ruhm, könnte man denken und damit kaum falscher liegen. Genau genommen sind die Kiszka-Brüder – Joshua, Jacob und Samuel sowie ihr Freund und Schlagzeuger Daniel Wagner – mit ihren Seidenhemden, Glitzerwesten und dem Timbre von Robert Plant im Körper eines wuschelköpfigen Tweens bereits im Zentrum der aktuellen Gitarrenmusik-Landschaft eingeschlagen. Dort klopften sie sich mit zwei EPs den Staub von den hautengen Hosen, rückten Haarband und Gibson SG zurecht und marschierten über diverse Festivalhauptbühnen und Jimmy Fallons Tonight-Show in ausverkaufte Hallen dies- und jenseits des Atlantiks. Ihr Debütalbum hatte das Licht der Welt da wohlgemerkt noch nicht mal erblickt. Spielt man "Anthem Of The Peaceful Army" zum ersten Mal an, ist der Sog außergewöhnlich, der vom Opener Age Of Man ausgeht. Wenn eine Band, deren Mitglieder gerade erst mehr oder weniger zwanzig Lebensjahre gelebt haben, den Kreislauf des Lebens als Konzept ihres Albums vorstellt, ist ein kurzes Stirnrunzeln das Mindeste. Wenn deren Sänger dann, zu geerdetem Bass, breitbeinigen Hardrock-Gitarren und einer Flöte, die genau das richtige Maß an Subtilität aufweist, vom "wonderland of ice and snow" singt und sich wegen so viel Kitsch nicht die Fußnägel aufrollen, sondern nur ein wohliges Gefühl des Eintauchens in eine längst vergangene Zeit einstellt, ergibt der Hype, der dem Debüt vorangegangen ist, plötzlich Sinn. Greta Van Fleet sind weit mehr als ein Abklatsch ihrer musikalischen Helden der 60er und 70er. Bands wie Led Zeppelin, Cream oder Jefferson Airplane werden nicht plagiiert, sie werden studiert, seziert und Teil der eigenen musikalischen DNA, ergänzt um einen zweiten Baustein: ein außergewöhnliches, intuitives Verständnis für eine musikalisch goldene Ära, deren Protagonisten abgesehen von wenigen Dinosauriern längst zu Staub zerfallen sind und keiner der vier Musiker miterlebt hat. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ein Song wie "The New Day" so berührt oder ein Song wie "Lover. Leaver. (Taker. Believer.)" mit einem zerbrechlichen, fast körperlosen Singsang hypnotisiert, der irgendwo zwischen Neil Young und Robert Plant etwas Schamanenartiges und Eigenes erlangt. "Mountain Of The Sun" kleidet simple emotionale Wahrheiten in majestätische Gewänder, und "Brave New World" rückt das Mystische des Greta-Van-Fleet-Sounds schließlich ganz in den Mittelpunkt. Mit dem folgenden Titelsong und der Zeile "Save yourself in your own time" zu akustischer Gitarre schließen Greta Van Fleet den Kreis so fließend und stimmig, wie er mit "Age Of Man" begonnen hatte, und lassen eine Botschaft deutlich nachhallen: Lass dir Zeit, lass das Gehörte nachwirken, nimm daraus mit, was dir gefällt, aber halte uns nicht für einen Scherz. Greta van Fleet sind verdammt nochmal nicht The Darkness oder Spinal Tap.

Leserbewertung: 7.0/12

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