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0 Autor: Daniel Welsch

Johnny Marr - Call The Comet

Call The Comet
  • VÖ: 15.06.2018
  • Label: New Voodoo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 304 - Schönheit der Ausgabe

Soloalben von Johnny Marr dürfte es eigentlich nicht geben, schließlich fühlt sich der ehemalige Gitarrist von The Smiths im Hintergrund viel wohler. Wenn er auf seinem dritten Album aber politische Töne anschlägt, freut man sich über Marrs Beiläufigkeit - schließlich sind politische Debatten derzeit schon laut genug.

Man muss ganz genau hinhören, um den politischen Überbau von "Call The Comet" überhaupt wahrzunehmen, obwohl es sich beim Nachfolger zu "Playland" um ein Konzeptalbum handelt. Die zwölf Songs spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Menschheit von Außerirdischen vor ihrer eigenen Dummheit gerettet wird. Der Albumtitel ist also ein flehentliches Bittgesuch an alle intelligenten Spezies da draußen, uns endlich zu Hilfe zu kommen. Obwohl Marr während der Arbeit an "Call The Comet" die aktuellen Nachrichten mit einem Beamer an die Wände des abgedunkelten Studios in Manchester projizieren ließ und Trump (natürlich!) und den Brexit (natürlich!) als Inspirationen nennt, klingt das Album nie verzweifelt oder auch nur besorgt - sondern im Gegenteil: optimistisch. So wie seine jungenhafte Gesangsstimme nicht zu altern scheint, hat sich der 54-Jährige auch im Herzen eine kindliche Naivität bewahrt. Obwohl vier Jahre zwischen "Call The Comet" und "Playland" liegen, in denen Marr seine Autobiografie "Set The Boy Free" geschrieben hat, unterscheidet sich das Album kaum von den beiden Vorgängern. Die Songs sind weniger direkt und kompakt, zu leichtfüßigem Britpop kommen ein paar neue Einflüsse. Bei "New Dominions" stören bedrohliche Industrial-Sounds kurz die optimistische Atmosphäre, der Song "Bug" über die virale Ausbreitung rechter Ideologien flirtet mit Glamrock und "Walk Into The Sea", der längste Song des Albums, leiht sich das Arrangement und den dramatischen Spannungsbogen von Post-Rock. Solche Momente sorgen für Abwechslung, am besten funktioniert "Call The Comet" aber immer dann, wenn Marr und seine drei Mitmusiker sich noch einmal dem Sound von The Smiths annähern. "Hi Hello" würde in einer Playlist zwischen Songs von "The Queen Is Dead" nicht negativ herausstechen. Gleiches gilt für "Day In Day Out", auch wenn Marr im Vergleich zu Morrissey ein weniger ausdrucksstarker und extrovertierter Sänger ist. Doch weil der ehemalige Frontmann von The Smiths diese Extrovertiertheit in den letzten Jahren vor allem in dümmlichen Provokationen und kontroversen Aussagen auslebt, macht die stimmliche wie inhaltliche Zurückhaltung Marr umso sympathischer. Merke: Naiver Optimismus ist eine angenehme Alternative zum Zynismus, der viele andere politische Alben aktuell prägt.

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