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0 Autor: Conrad Pohlmann

Late Night Venture - Tychonians

Tychonians
  • VÖ: 20.11.2015
  • Label: DME/Novamd
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 273 - Schönheit der Ausgabe

Nach zehn Jahren und zwei ziemlich unspektakulären Alben lösen Late Night Venture mit Tychonians nun das ein, was ihr Bandname von Anfang an versprochen hat: Sie klingen mysteriös, düster, bedrohlich – und dadurch endlich nach sich selbst.

In der Vergangenheit deutete nichts darauf hin, dass die Kopenhagener mal irgendwann eine zwingende oder gar mächtige Platte abliefern könnten. Der verhallte Indie des selbstbetitelten Debüts versprühte aufgrund seiner Unentschlossenheit den müden Charme einer Sitzparty, nach der das Zweitwerk "Pioneers Of Spaceflight" mit seinem formelhaften Postrock von sich selbst gelangweilt komplett wegdämmerte. Die langwierige Identitätssuche hat das Quintett jetzt aber mit der vom wegweisenden Astronomen Tycho Brahe inspirierten, dritten LP abgeschlossen, und darauf einen überaus eigenständigen Klangkosmos erschaffen. Um die Orientierung gebenden Fixsterne Postrock und Post Metal kreisen hier tonnenschwere Doom-, Sludge- und Stoner-Brocken mit ein paar Prog-Splittern durch unheilvolle Dark-Ambient-Nebel. In diesem Chaos lassen Late Night Venture mal dieses, mal jenes miteinander kollidieren – und schauen zu, wie sich dabei Songs herausbilden, die jeder für sich eine abgeschlossene, meist unwirtliche Welt beherbergen.

Die beklemmende Finsternis von "Halo Orbit" wird beispielsweise nur vereinzelt durch aufflackernde Delay-Gitarren erhellt und immer wieder von heftigen Riff-Gewittern erschüttert, bis sich dieser Wüstenplanet schließlich durch gespenstisches Geflüster als verwunschener Ort entpuppt. Im opulenten "Moon Shone On White Rock" inszenieren die Dänen hingegen ein spannungsgeladenes Wechselspiel zwischen einem zäh walzenden Black-Sabbath-Motiv und schwermütig gedämpften Passagen, die von schleppenden Drums, seufzenden Gitarren und bedrückenden Synthie-Schwaden dominiert werden. In diesen ruhigen Momenten erinnert das im Dreivierteltakt gehaltene Stück nicht nur wegen eines düsteren Sprechgesang-Parts an die klaustrophobische Ödnis, die auf den letzten Neurosis-Veröffentlichungen vorherrschte. Das mitreißende "Nebula" wiederum hätte mit seinem zischelnden Schlagzeug sowie der ausgeklügelten Balance zwischen angriffslustig groovenden Stoner-Attacken und meditativen Atempausen hervorragend auf "Avoid The Light" von Long Distance Calling gepasst. Nur im finalen, nach der letzten Ruhestätte Brahes benannten "Praha" schimmert dann doch der prototypische Postrock des Vorgängers "Pioneers Of Spaceflight" durch: Mit seiner friedfertigen Erhabenheit wirft er aber ein versöhnliches Licht in die packende Dunkelheit, in der "Tychonians" den Hörer zuvor gefangen gehalten hat.

Leserbewertung: 10.0/12

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