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0 Autor: Patrick Großmann

Rollins Band - Get Some Go Again

Get Some Go Again
  • VÖ: 21.02.2000
  • Label: Dreamworks/Motor
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 84 - Platte des Monats

Henry rollt wieder - und wie. Immerhin fast drei Jahre sind seit "Come In And Burn" ins Land gezogen. Zwischenzeitlich hat Mr. Rollins nicht nur fleißig geschrieben, viel gelesen und (vermutlich) seine Muskelberge weiter gestählt, sondern en passant seine gesamte Band ausgetauscht.

Dann jedoch passierte alles derart plötzlich, dass vor dem Gang ins Studio nicht einmal die eigene Plattenfirma informiert wurde. Genau diese Spontaneität ist es, die "Get Some Go Again" so faszinierend macht: In nur 16 Tagen eingeprügelt und vom Vordenker erstmals selbst produziert, strahlt das neue Material eine Unmittelbarkeit, eine Lust am Rocken aus, die sich bislang stets hinter streng gezügelter Ernsthaftigkeit verbarg. Wie befreit sägen die Gitarren! Geblieben ist der grundsätzliche Impetus seines Schaffens: ein enormes, manchmal beinahe in Penetranz umkippendes Sendungsbewusstsein. Beinahe. „I walked through miles of jungle, I walked through yellow miles of pain“ proklamiert Rollins bereits im fulminanten Opener "Illumination", und wir glauben ihm. Geblieben ist außerdem die bewusste Reduktion aufs Wesentliche einer gut geölten Rockband - wer Modernistisches wie Loops erwartet, ist hier definitiv auf der falschen Baustelle. "Monster" beispielsweise verarbeitet eines dieser Riffs, das seit mindestens 25 Jahren immer funktioniert und schon Guns N' Roses gen "Paradise City" getragen hat, und wer diesen Vergleich ekelhaft und unpassend findet, sollte sich mal von Herrn Rollins Hardrock buchstabieren lassen. Selbst Onkel Blues wird im angefunkt groovenden "Change It Up" erfolgreich reanimiert. Schwer stampfend schaukelt sich das Quartett durch den Ruhepol "On The Day", zitiert bei "Love's So Heavy" die "Mother's Milk"-Phase der Red Hot Chili Peppers, bolzt sich, ohne auf irgendwelche Vorfahrtsregeln zu achten, durch den rabiaten Uptempo-Punker "You Let Yourself Down" und biegt schließlich mit dem ausufernden, 13-minütigen Protest-Jam "L.A. Money Train" (und Wayne Kramer an Bord!) in die Zielgerade ein. Gerade letztgenannter Song zeigt Rollins herrlich zynisch, bewusst und vielschichtig: Was nützen einem Offspring-Platten, wenn einem die Frau weggelaufen und der Job gekündigt worden ist, lautet das Credo dieses Opus wider die Mittelmäßigkeit. Natürlich lange nicht so viel wie all die langsam in Vergessenheit geratenden Helden wie Coltrane, Sly Stone, Curtis Mayfield und Al Green. Und - ist man versucht hinzuzufügen - auch lange nicht soviel wie ein Rollins-Werk: Schließlich hat Henry als Zeichen seiner Reife und Street Credibility einen „session guy“ am Saxophon, der nicht mal den Namen seines Brötchengebers kennt. "Get Some Go Again" ist der Adrenalinschub, der dich morgens aus den Federn jagt, den Tag über mit gesunder, positiver Vehemenz fit hält und abends zum Denken anregt. Rollins, wie wir ihn am meisten lieben: straight, roh, wuchtig!

Leserbewertung: 12.0/12

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