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0 Autor: Daniel Gerhardt

Wilco - The Whole Love

The Whole Love
  • VÖ: 23.09.2011
  • Label: dBpm/ANTI-/INDIGO
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 223 - Schönheit der Ausgabe

Kurz vor zu bequem machen Wilco ein Album, das ihnen eigentlich gar nicht mehr zustand. The Whole Love erfindet sie gleichzeitig neu und bestätigt sie in ihrer Paraderolle als Dad-Rock-Band für schlaue Söhne.

Jeff Tweedy hat selbst einen Sohn, der mittlerweile alt genug ist, um zu bloggen, Bands zu haben und ein vorlauter Hipster zu sein, und spätestens nach dem sympathisch schlafmützigen Wilco (The Album) vor zwei Jahren waren Wilco in Gefahr, in diesem Blog aufzutauchen. Und nicht auf die gute Art. Das selbsteingerichtete Loft in Chicago schien der Band alle Freiheiten zu geben, sie nahm sich aber erst mal die Freiheit raus, alle Freiheiten zu ignorieren. Vom 26. Juni 2009 bis zum 23. September 2011 waren Wilco also nur noch die Band mit der besten Homepage der Welt, da hatten sie schon mal mehr zu bieten, und von The Whole Love wollte man deshalb gar nicht mehr zu viel wollen, ein heimeliges Rockalbum mit tollen Gitarrensoli zum Beispiel. Stattdessen beginnt es wie ein heimeliges Radiohead-Album: Art Of Almost hat einen offensichtlich menschenleeren, klein geknispelten Schlagzeugbeat, dann Streicher wie in Pyramid Song und schließlich Tweedys Gesang, der durch all das hindurch scheint und es als Wilco-Song erkennbar macht. Dann kommt ein Break, kurz ein sehr menschliches Proleten-Schlagzeug und schließlich Stargitarrist Nels Cline im losgeleinten Modus, bevor nach sieben Minuten ein greller Acid-Rock-Effekt den Deckel draufmacht. Sagen wir mal so: sensationeller Opener. Art Of Almost ist aber auch eine Finte, ein Weißes Album für sich genommen, dem nicht noch mehr Stilmixe folgen, sondern in erster Linie Popmusik, die exzentrisch ist wie ein alter Professor und herzzerreißend wie eine alte Oma alleine zu Hause. Dabei ist The Whole Love die ganze Liebe zum Detail, die Songs sind nie faul und zu früh zufrieden, ihre Slidegitarren zerfließen in komplizierten Formen und ihre Bassläufe merkt man sich automatisch, was ja für sich schon eine Leistung ist. Genau wie Art Of Almost sind aber auch der When I’m Sixty-Four-Neubau Capitol City und die rotzfahnigen Rocksongs "Born Alone" und "Standing O" in erster Linie Finten; seine Bestimmung findet das achte und tatsächlich drittbeste Wilco-Album in den 41 Zeilen von "One Sunday Morning". Das zweitlängste Wilco-Stück aller Zeiten ist das letzte und einfachste auf The Whole Love, keine Endlosschleife durch Krautrock, Gitarrensoli und die Geräusche, die Tweedy mal im Kopf hatte, sondern ein konzentrierter, besonnener Neil-Young-Moment über Vater, Sohn und Enkel, der den Zustand von Wilco im Herbst auf den Punkt bringt. Sie müssen nichts mehr, können weiter alles und wollen es jetzt auch wieder.

Leserbewertung: 9.5/12

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