Zur mobilen Seite wechseln
0 Autor: Dennis Plauk

The Dillinger Escape Plan - Option Paralysis

Option Paralysis
  • VÖ: 19.03.2010
  • Label: Season Of Mist/Soulfood
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 205

Wenn der Bee-Gees-Schlager Stayin’ Alive den idealen Rhythmus hat, um Menschen mit Herzstillstand zurück ins Leben zu holen, schreiben Dillinger Escape Plan die Songs, die solche Maßnahmen erst nötig machen.

Selten war das Ergebnis einer Google-Fahndung so vorhersehbar: „Es wurden keine mit ihrer Suchanfrage ‚Dillinger-Escape-Plan-Coverband‘ übereinstimmenden Dokumente gefunden.“ Tatsache – diese Band hat einen eingebauten Kopierschutz. Wer wäre auch so debil, sich daran zu versuchen, Dillinger-Songs nachzuspielen (in Echtzeit, versteht sich)? Stücke, die im Bruchteil einer Sekunde von sphärischer Symphonie auf Hackebeil-Metal umschalten – und wiederum ein paar Augenblicke später so tun, als wäre nichts gewesen. Man übertreibt nicht, wenn man The Dillinger Escape Plan zu den technisch versiertesten Bands unserer Zeit rechnet, auch wenn man vermuten muss, dass es den Musikern selbst nicht so leicht fällt, ihre Stücke in eine Form und ein Tempo zu pressen, damit dem Hörer der Atem stockt, es der Band aber gleichzeitig möglich bleibt, ihre Musik auf der Bühne albumgetreu zu reproduzieren. Dass schon wieder drei Jahre seit dem letzten Dillinger-Hexenschuss Ire Works verstrichen sind, ist jedenfalls kein Wunder: Die müssen das nicht nur schreiben, die müssen sich das alles auch irgendwie merken. Kann nicht jeder.

Die hohe Fluktuation im Bandgefüge erklärt sich allerdings eher mit dem Anspruch, dass Dillinger unter der Führung ihres letzten Gründungsmitglieds Ben Weinman so ziemlich alles ertragen können außer Stillstand und Selbstzufriedenheit. Was auch immer sie für Ballast halten auf ihrem mörderischen Abfahrtslauf über die Mathcore-Schanze, werden sie schneller los, als man „7/8-Takt“ sagen kann. Notfalls eben auch Mitmusiker. Mit dem Gitarristen Weinman, Sänger Greg Puciato und dem Bassisten Liam Wilson hat sich über die Jahre zwar eine Art harter Kern formiert. Doch es ist immer noch und immer wieder erstaunlich, mit wie wenig personeller Beständigkeit diese Band beständig gute Platten schreibt. Option Paralysis als die jüngste dockt dabei für Dillinger-Verhältnisse nahezu nahtlos an Ire Works an: Bei aller Instrumental-Akrobatik ist sie vor allem ein weiterer Triumph Greg Puciatos. Erst die Wandelbarkeit seiner Stimme zwischen Harmoniegesang und Blutspuckerei hat The Dillinger Escape Plan die entscheidende Entwicklungsstufe nehmen lassen: Kaum eine zweite Band verbindet so gekonnt kraftvolle Melodien mit brutalen Noise-Attacken – weil ihr dafür, mehr noch als das kompositorische Geschick, ein Sänger wie Puciato fehlt.

Wenn Option Paralysis mit diesen Parametern eines ist, dann rastlos. Selbst ein üppig bemessenes Stück wie Farewell, Mona Lisa sperrt sich dagegen, allzu viel Spielzeit einer einzigen Stimmung einzuräumen – im Halbminutentakt wischt eine Passage die nächste beiseite. Nicht nur in der Hinsicht ist das vergleichsweise geradlinig aufgebaute Widower der verhaltensauffälligste Song des Albums. Wie sich das Stück binnen Minuten von einer brüchigen Klavierballade in eine Tracht Hardcore-Prügel und wieder zurück verwandelt, offenbart, wie viele Spielarten der Rockmusik The Dillinger Escape Plan auf dem vermutlichen Gipfel ihrer Schaffenskraft beherrschen. Ohnegleichen.

Leserbewertung: 10.1/12

Bitte einloggen, wenn du diese Platte bewerten möchtest.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte kommentieren möchtest.