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0 Autor: Markus Hockenbrink

The Vines - Melodia

Melodia

Wenig andere Bands dürften so hart daran zu knabbern haben, dass es nicht mehr 2002 ist, wie die Vines. Die Reaktion der Australier darauf ist ein herzliches "So what?"...

Man muss nicht mal eine besonders böse Zunge haben, um zu behaupten, die Vines könnten im Prinzip nur zwei Songs schreiben: ungestüme Zwei-Minuten-Rocker à la "Get Free" (hier "Get Out" genannt) und herbstliche Balladen mit herbstlichen Titeln wie "Autumn Shade" (hier: "Autumn Shade III"). Klar, im Vergleich zu den Ramones ist das eigentlich schon richtig vielseitig, aber wenn eine Band, die vor sechs Jahren einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, jetzt praktisch dasselbe Album auf einem kleineren Label herausbringt, darf getrost gerunzelt werden, was sich runzeln lässt. The Vines waren schon damals Nachzügler im erlauchten Kreis der "The-Bands" und mussten statt Untergrundkarriere (White Stripes), Zeitgeistalbum (Strokes) oder üppig verschwendetem Talent (Libertines) bloß eine Hitsingle und einen labilen Frontmann vorweisen. Craig Nicholls ist vermutlich immer noch nicht ganz auf der seelischen Höhe, und auch sein neues Album "Melodia" klingt ganz nach Déjà Entendu. "Braindead" ist wie es der Titel erwarten lässt zum Headbangen gedacht, "A Girl I Knew" natürlich ein schmachtender Midtempo-Moment, und auch "He's A Rocker" wird seinem Titel voll und ganz gerecht, irgendwie. Bei den Vines regiert das Vage, das gewollt Oberflächliche und die Erfüllung niedriger Erwartungen mit der Arbeitsmoral einer Thekenband. Wenigstens bilden sie sich darauf nichts ein: "Melodia" fertigt seine 14 Songs in knapp 33 Minuten ab, und eine selbstgefällige Art-Rock-Episode sucht man im Schaffen der vier Australier vergebens. Wer mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne gesegnet ist, findet hier vermutlich auch nach wie vor den Soundtrack zu einem schlüsselreizenden Leben. Andererseits spricht ein nur in England erschienenes Greatest-Hits-Album Anfang des Jahres auch eine deutliche Sprache. Nämlich: Dieser Band ist nicht mehr viel zuzutrauen außer der zuverlässigen Wiederholung einer erprobten Erfolgsformel, die lediglich das schmissige Format gegen die sich anpirschende Langeweile ausspielt. "Melodia" ist in diesem Sinne auch ein bisschen wie der Affektkauf in der Fast-Food-Kette, eine Erfahrung irgendwo zwischen Genugtuung und Enttäuschung, an die man sich gewöhnen kann wie an einen Wärmebeutel zur Nacht. Die Frage, ob man das auch wirklich will, stellt sich dabei jedes Mal erneut, und diesmal könnte der Zeitpunkt gekommen sein, auch mal nein zu sagen.

Bewertung: 5/12
Leserbewertung: 5.0/12

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