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0 Autor: Peter Hesse

The Cramps - Off The Bone (Hall of Fame)

Off The Bone (Hall of Fame)

Das Ehepaar Rorschach-Interior fantasiert sich eine gefährliche Freakshow-Vision zusammen – vor allem aus dem Spezialwissen von unzähligen Schallplatten-Käufen, die es auf bizarren Flohmärkten tätigte. Die Einheit zwischen Trash-Punk, Garage, Noise, Surf und Rockabilly wurde nie wieder so kraftvoll, kitschig und glamourös inszeniert.

Kitschiger Mülltonnen-Bubblegum im allerbesten Sinne, Texte wie kafkaeske B-Movies und surreale Comic-Strips sowie eine obskure Kaputtnik-Haltung, die Fans von Betty Page, Ed Wood, John Waters, Hazil Adkins und Johnny Burnette gleichermaßen verband. Eigentlich dürfte nur Quentin Tarantino ihr Voodoo-Psychedelic-Biopic drehen, aber vermutlich wird’s noch 40 Jahren dauern, bis es so weit ist. Denn The Cramps existieren ja noch im Hier und Jetzt, auch wenn sie Lichtjahre von ihrer einstigen Bestform entfernt sind. Songs wie „I Can’t Hardly Stand It“, „The Way I Walk“ oder „Goo Goo Muck“ sind Electronic Body Music im eigentlichen Sinne des Wortes, nur sollten hierzu Rockabilly-Epileptiker im tiefen Sumpf tanzen. Stoische Beats und billig gespielte Akkorde bilden die Grundrezeptur eines jeden Songs. In der Frühphase wurde komplett auf einen Bass verzichtet, auf eine Wall-Of-Sound-Gitarrenwand von Gregory addiert Ivy meist verstimmte Einzelnoten – ein System, das viele Bands beeinflusste. Der Song „Save It“ ist eine Art kaltblütiger, polternder Halbschlaf-Tango. Im Refrain heult Interior dazu Lustmolch-Geräusche, als würde er einen Werwolf vergewaltigen. Die Startzeilen von „New Kind Of Kick“ bringen den Spirit der Band auf den Punkt: Life is short. So gebärden sich auch die Bühnenshows von Lux, der als eine Art Tarzan auf Ecstasy in knapp bemessenem Leopardenschlüpfer wie ein Derwisch auf, über und unter den Bühnenbrettern explodiert. Als Jane-Gegenpart hierzu die unterkühlte Poison Ivy, die meist keine Miene verzieht, so als wäre sie direkt aus dem Wachsfigurenkabinett entführt worden. Dazu ihre sexy Bühnen-Outfits – hier wurden gefährlich knappe Exponate aus der geheimen Asservatenkammer von Russ Meyer zur burlesken Bühnengarderobe umfunktioniert. Dieses exotische Bühnenpanorama wird verdichtet vom sturköpfigen Drumbeat von Nick Knox, dessen reduziertes aber präzises Drumming an die Fertigkeiten eines Schweizer Uhrwerks erinnert – der Takt stolziert, als hätte man 10.000 Motoren von tanzenden Schwarzwaldpüppchen in das Rückenmark von King Kong verpflanzt. Mit ihrer schiefen Version von „Fever“ wird auf diesem Album sehr früh „A Date with Elvis“ proklamiert, im Jahr 1986 wird mit diesem Claim ein Album betitelt. Zu jedem hitzigen Kollektiv aus der Kleinkunstszene gehört neben frevelhaftem Übermut natürlich der Faktor Streit. So verwundert es kaum, dass nach dem Weggang von Gitarrist Kid Kongo Powers Unmengen von Bandmitgliedern meist nur kurzzeitig das Band-Karussell betreten. Ähnlich häufig wird fast zu jedem neuen Album die Plattenfirma gewechselt. „Off The Bone“ ist ein geschlossenes und verbrieftes Zertifikat. Die ersten sieben Tracks stammen von der ersten 7-Track-EP, die restlichen Songs sind die tragenden Säulen der ersten beiden regulären Alben. Mit dieser Anthologie wurde vor allem Europa erobert. Sie drückte der noch in zarten Kinderschuhen steckenden Psychobilly-Bewegung einen exzentrischen Stempel auf.

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