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0 Autor: Oliver Uschmann

Dälek - Abandoned Language

Abandoned Language
  • VÖ: 09.03.2007
  • Label: Ipecac/Soulfood
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 168 - Schönheit der Ausgabe

Wo der Industrial Noise ihres Meisterwerkes "Absence" mit brutaler Wucht überwältigte, steht "Abandoned Language" distanziert im Raum und will, dass man sich mit ihm beschäftigt. Und das kann lange dauern.

Wer ein nominell in der Schublade HipHop einzuordnendes Album mit einem zehnminütigen Brocken Psychedelik eröffnet, will entweder den Plattenvertrag erst gar nicht unterzeichnen oder veröffentlicht auf Mike Pattons Ipecac-Label. Der Einstieg in Däleks neue Platte ist ebenso sehr flächiger Trip wie staubtrockener, an die kürzlich hier gelobten Darc Mind erinnernder Hardcore-Rap. Die Wall Of Noise, die man vom Duo Dälek und Oktopus gewohnt ist, wurde abgebaut, eben weil man sie mittlerweile gewohnt ist. Jetzt regiert vordergründig geradliniger Rap, der allerdings auf abgründigen Schichten von Klang aufsattelt, die regelrechte schwarze Löcher auftun. Unangenehme orchestrale Streicher. Dissonante, verquer zum Beat gesetzte Klänge, die einem die Plomben ziehen. Noise, nicht im Sinne von Krach und Kraft, sondern im Sinne der Komponisten der Neuen Musik. Minutenlange Geduldsproben ganz ohne jede gerappte Zeile, in denen man sich nicht mehr bei Dälek, sondern bei Stockhausen, Merzbow oder Ekkehard Ehlers wähnt. Und dann doch wieder: Erlösung durch ansatzweise "harmonische" Flächen zu Kopfnickerbeat und schickem AgitRap über korrupte Politik und die schwarze Community. Außer dem mit einem eingängigen Refrain versehenen in "Corrupt (Knuckle Up)" lassen sich kaum einzelne Tracks aus diesem Strudel organisierten Wahnsinns herausheben, so sehr funktioniert die Platte als Ganzes, als erneute Glanzleistung in der Gratwanderung zwischen absoluter, für ungeübte Ohren gar nicht mehr hörbaren Avantgarde und der Sinnlichkeit, welche die Stilrichtungen Rap, Psychedelia und Noise abwerfen. Je nachdem, wie intensiv man sich darauf einlassen möchte, wird man das Album als langatmig oder kurzweilig empfinden und entweder irgendwann aussteigen oder in eine Trance geraten, die das HipHop-Gegenstück zu dem bildet, was Isis auf demselben Label mit Gitarren machen. Auf der letzten Tournee erzählten Dälek wie die Schulkinder von ihren Erlebnissen on the road und rappten sich zu konventionellem New York HipHop im iPod vor dem Auftritt warm, während sie zugleich intellektuelle Diskussionen über den versteckten Rassismus der offenen Gesellschaft und Zwölftonmusik führen können. In diesem Spagat sind sie allein und zusammen mit den Künstlern von Anticon Records, Charakterköpfen wie Sage Francis und Saul Williams oder Supermuckern wie den Roots letzte Retter von HipHop als progressiver Kunstform.

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