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Beirut - The Gulag Orkestar

The Gulag Orkestar

Neulich erst musste der Bürgermeister von Neukölln zerknirscht feststellen, dass Multikulti gescheitert sei.

Die Empörung war natürlich groß, aber das Gute an solchen Bemerkungen ist ja: Wenn sie einer allein aufstellen kann, kann sie auch einer allein widerlegen. Vorhang hoch für Zack Condon, Enkelkind russischer Auswanderer, aufgewachsen in New Mexico, lebhaft in New York. Zum Spaß hat dieser Junge schon Doo-Wop- und Electro-Platten aufgenommen. Ernst wurde es aber erst, als er auf einer Europareise in die Geheimnisse der Zigeunermusik eingeweiht wurde. Condon war hin und weg, vergrub sich immer tiefer in dieser fremden Klangwelt, würzte sie mit ordentlich Eigensinn und kam schließlich bei „Gulag Orkestar“ raus, seinem Debütalbum als Beirut. Es wäre nun einfach, diese Platte als Sammlung schlampig ausformulierter Skizzen misszuverstehen, die mit verstimmten Klavieren, verbeulten Trompeten und baufälligen Mandolinen eingespielt wurde, zumal sie schon mit dem ersten Stück in die Proben eines Beerdigungsorchesters hineinplatzt. Tatsächlich strahlt und leuchtet „Gulag Orkestar“ aber vor eigenwilligen Ideen und ungebrochener Schönheit – mit jedem Mal ein bisschen mehr. Condon setzt seine Einzelteile so selbstsicher wie kunstfertig zusammen, leidet sich durch bittere, emphatisch vorgelebte Texte und findet sogar noch die Zeit, um „Postcards From Italy“ zu schreiben. Kein Scheiß hier, eine feierlichere Hymne hat das Jahr noch nicht gehört.
Daniel Gerhardt - 10

Zach Condon stammt aus Santa Fe, der Hauptstadt von New Mexico. Condons Faible für die Kultur und die Musik des Balkans nur damit zu erklären, dass die Sommer im Mittleren Westen der USA sehr heiß sind, wäre ein wenig zu einfach. Aber warum nennt man seine Band Beirut? Warum eine Platte nach dem sowjetischen Ausdruck für Konzentrationslager? Und was hat das alles mit osteuropäischen Klängen zu tun, die dem nahkommen, was sich Amerikaner unter Polka vorstellen? „Weird Al“ Yankovic hat dieses Konzept auch mehrmals durchgezogen, es gab ein Metal-Medley, ein Alternative-Medley usw., ganze CDs im Polkastil. Wer weiß, wie einfach diese Musik gestrickt ist, dem fällt es auch nicht schwer, sie zu adaptieren. Zach Condon kann man genau aus diesem Grund kaum profane Geldgier unterstellen, denn er adaptiert nicht, sondern klaut schlecht aus der volksmusikalischen Kiste. Wenn man dann noch weiß, dass der junge Mann schon diverse Stile ausprobiert hat, dann wundert einen dieses dilettantische Werk überhaupt nicht mehr. Aber Amerikaner lieben Exotik; was soviel heißt, dass sie alles mit Verwunderung betrachten, was nicht aus ihrem Kulturkreis stammt. Fast alles. Gerade läuft „Bratislava“ noch einmal, der Song danach heißt „The Bunker“. Da war doch was? Vielleicht ist Zach Condon ja der Walter Moers von Santa Fe. Dann hätten wir immerhin den Sinn und Zweck verstanden: Es ist Satire.
Jörg Staude - 5

Leserbewertung: 10.4/12

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