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0 Autor: André Boße

Morrissey - Ringleader of the Tormentors

Ringleader of the Tormentors
  • VÖ: 07.04.2006
  • Label: Attack/Sanctuary
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 157 - Schönheit der Ausgabe

Verliebt in Rom, der Regen fällt. Morrissey leiht sich einen Smoking, kauft sich eine Geige, tut so, als könne er spielen, und beweist, wie sexy Empathie sein kann.

Helle Aufregung im virtuellen Morrissey-Land! Stephen Patrick wandelt durch Rom, ist ermüdet von der eigenen Gutmütigkeit, sagt, er – die Ikone des Asexuellen – habe explosive Fässchen zwischen den Beinen. Und er bringt sie tatsächlich zum Überlaufen: "Now I’m spreading your legs with mine in between." This is hardcore. Ob er auf der nächsten Platte ein Schnitzel ist? "The heart feels free", schwelgt er schließlich am Ende von besagtem "Dear God, Please Help Me", dem zweiten Stück auf dieser Platte – ab sofort und für ewig aufgenommen in den Kanon der Morrissey-Klassiker. Ein schönes Lied, man höre nur all die echten Streicher, die der leibhaftige Ennio Morricone arrangiert hat. Vor allem aber ein wichtiges Lied, denn es erdet einen Mann, der von einigen da draußen noch immer als Reinkarnation des Überweltlichen wahrgenommen wird. Hurra, der Prophet der Enttäuschten ist genau so geil wie wir. Mehr denn je hat sich Morrissey, für den Orte schon immer wichtig waren, auf dem Nachfolger des Quasi-Comebacks "You Are The Quarry" von einer Stadt inspirieren lassen. Morrissey in Rom, das sind Anspielungen auf Literatur und Plätze (die erste Single "You Have Killed Me" ist voll davon), persönliche Begegnungen wie die mit Morricone und eine Gesamtstimmung, die man mit "geläuterte Entspannung" charakterisieren kann. Das herausragende "Life Is A Pigsty" (was ein Schweinestall ist) trifft den Ton: Der Regen plätschert, der Künstler sinniert und findet am Ende – bei seinen typischen langgezogenen Tönen – Halt in gigantisch-skurrillen Percussion-Effekten, die klingen, als versuche sich ein übermütiger Kobold an den Rhythmusinstrumenten von Morricones-Orchester. Ein Höhepunkt unter vielen, weiter zu nennen: die anklagende, morgenländische Eröffnung über den modernen Terrorismus oder das rhythmisch lebendige zukünftige Single "The Youngest Was The Most Loved", das bald die Tanzflächen füllen wird. Hinten raus klingen einige Lieder nach altvorderem Gitarrenrock, sein Wehklag wird zum Manierismus. Aber das ist leicht zu verschmerzen. Morrissey sagt "I’ll Never Be Anybody’s Hero", aber das ist ja das Schöne an der Liebe: Irgendwie ist sie immer eine persönliche Heldengeschichte, und alle Wege führ’n nach Rom.

Leserbewertung: 9.0/12

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