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0 Autor: Armin Linder

Patrick Wolf - Wind In The Wires

Wind In The Wires

Schreck lass nach! Patrick Wolf lädt zu einer Geisterstunde, wie sie Radiohead nicht schaurig-schöner inszenieren könnten. So finster und auch so bitter kalt.

Eigentlich erscheint er ganz harmlos, der blutjunge Kerl mit der Wuschelfrisur. Aber man darf bloß nicht den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen oder sich gar sicher vor ihm zu fühlen. Gleich sein Debütalbum nannte Patrick Wolf "Lycanthropy" und sang nicht nur über die Verwandlung vom Menschen zum Werwolf, sondern setzte sie in die Tat um. Musikalisch, vielleicht auch nächtens am ganzen Körper. Und weil sich Haare auf den Zähnen schwerlich wegrasieren lassen, heult Patrick Wolf auch auf "Wind In The Wires" wieder durch die Nacht, betet den Mond an und sucht nach Opfern. Als Kind kam er aus dem verschlafenen Cork nach London, lernte mit sechs Jahren Viola und Violine, tourte in einem Orchester durch Europa und schrieb mit elf seine ersten Songs. Dann entdeckte er nach und nach Harfe, Gitarre und seine Stimme. Jetzt ist er 21, hat mehr Erfahrungen gesammelt als mancher Altmeister und mehr Talent als eine ganze Band zusammen. Natürlich bietet es sich an, Parallelen zu Bright Eyes zu ziehen. Aber wer Conor Oberst für abgründig hält, der sollte Patrick Wolf lieber nicht zu nah an sich heranlassen. "Ghost Song" heißt zwar nur ein Stück, würde aber zu allen 13 passen. Saiten schwingen spartanisch, Beats schwingen die Peitsche, und die Stimme droht, einen jeden Moment hinterrücks zu überfallen. Dazwischen immer wieder bedrohliche Geräusche, Texturen, die kreuz und quer durcheinander rennen und grenzenlose Dunkelheit. "Wind In The Wires" ähnelt manchmal Radiohead, zwischendurch auch The Notwist, aber noch mehr einem Musik gewordenen "Blair Witch Project" ohne Netz und doppelten Boden. Als ob man nächtens alleine in einem Wald ausgesetzt worden wäre, in den seit Jahren keiner mehr einen Fuß gesetzt hat, weil es dort spuken soll. Jetzt bloß keine Angst kriegen, keine Angst, keine Angst! Leise summt man eine Melodie vor sich hin, versucht, sich in Sicherheit zu wiegen. Und hinter jedem Baum wetzt ein Sensenmann seine Klinge.

Bewertung: 11/12

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