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29.03.2018 | 16:00 9 Autor: Dennis Drögemüller RSS Feed

Kommentar: "Eine Frauenquote auf Festivals ist nur konsequent"

News 28297Ist eine Quote für weibliche Künstler bei Festivals sinnvoll? Ja, schreibt VISIONS-Redakteur Dennis Drögemüller. Denn die ist nicht nur gerecht - sie beschleunigt einen längst überfälligen Wandel, von dem am Ende die ganze Musikszene profitiert.

45 Festivals haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2022 zu 50 Prozent Frauen bei sich auftreten zu lassen – und das ist nur konsequent. Schließlich stellen Frauen grob die Hälfte der Bevölkerung und damit 50 Prozent des musikalischen Talents. Es geht also nicht darum, ihnen per Quote unrechtmäßig etwas zuzuschanzen, sondern ihnen im Gegenteil den Anteil an der Musikwelt zu gewähren, der ihnen statistisch längst zugestanden hätte.

Dass er ihnen bislang verwehrt geblieben ist, liegt unter anderem an der männlichen Dominanz in der Branche. Meist sind es auch hier noch Männer, die beeinflussen, wer eine Chance erhält. Und selbst die fortschrittlichsten Manager, Booker oder Journalisten bevorzugen unbewusst oft das, was ihnen nahe ist (weshalb etwa auch schwarze Menschen unterrepräsentiert sind). Qualität setzt sich zwar immer wieder gegen die Widrigkeiten des Systems durch. Aus diesen erfreulichen Ausnahmen darf man aber nicht den vielen übergangenen Künstlerinnen chauvinistisch einen Strick drehen.

Gleichzeitig ist das wohl häufigste Argument gegen eine Quote, es gebe schlicht nicht genügend gute weiblich geprägte Acts – eine Schutzbehauptung. Schließlich gelingt es längst nicht nur dem Roskilde Festival in letzter Zeit immer besser, Frauen in ausreichender Zahl und bis hoch zu den Headlinern ins Line-up zu heben. Zwar mag es Newcomer-Events wie dem Reeperbahn Festival leichter fallen, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu erzielen, als manchem Festival im Metal, Stoner Rock oder Reggae. Mit Acts wie Hole, Björk, Arch Enemy, Against Me!, Florence + The Machine, PJ Harvey, Acid King, Portishead, Lady G, Blood Red Shoes, War On Women und vielen, vielen mehr ist aber schon jetzt überall weit mehr weibliche Zugkraft und Potenz vorhanden, als viele Line-ups einem weismachen wollen. Wer das nicht sieht oder sehen will, steckt in seinen Gewohnheiten fest – oder stellt ohne Not finanzielles Kalkül vor künstlerische Vielfalt.

Wer wiederum argumentiert, Musikerinnen müssten organisch von unten in die Szene wachsen und könnten nicht von oben "verordnet" werden, hat nur zur Hälfte Recht: Je mehr Frauen heute als Identifikationsfiguren auf der Bühne stehen, desto mehr inspirieren sie die weiblichen Generationen von morgen dazu, selbst zu Gitarre, Mikro oder Drumsticks zu greifen. Auch die talentiertesten Männer können Frauen ihre Möglichkeiten nicht so plastisch vorleben.

Das Entscheidende: Niemand verliert etwas. Die Nachfrage wird populäre Acts wie die Foo Fighters, Metallica, Muse oder die Beatsteaks auch weiterhin in den Line-ups halten. Und wenn manches große Festival demnächst freiwillig mehr Frauen unter seinen mehr als 100 Bands platziert, wird niemand gezwungen sein, diese auch nur zur Kenntnis zu nehmen; mehr als Toleranz ist nicht nötig. Ein selbstauferlegtes Quotenziel weniger Veranstalter ist also kein verlustreicher Umsturz, sondern nur ein kleiner, gut auszuhaltender Schritt. Auf dem Weg in eine Musikszene, in der am Ende wirklich nur die Musik zählt, und nicht das Geschlecht.

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Kommentare (9)

Avatar von roland21 roland21 29.03.2018 | 17:17

Frauenquote bei Festivals?
Selten so einen Schwachfug gelesen. Nicht falsch verstehen. Ich meine damit nicht, dass weibliche Musiker kein gehör finden sollen. Im Gegenteil. Was wäre die Musikwelt ohne PJ Harvey, Patti Smith, Kim Gordon, Mariane Faithfull, Beth Gibbons und wie sie alle heißen. Es gibt sie. Und es werden immer mehr. Und das ist gut so!!!!
Eine feste Quote für weibliche Künstler auf Festival erachte ich aber mal wieder als Folge eines inzwischen extrem fehlgeleiteten Geschlechterdiskurses. Denn das öffentliche Interesse an Musikern und Musikerinnen steht meines Erachtens nicht in Abhängigkeit zum jeweiligen Geschlecht, sondern in Abhängigkeit zur Musik. Und entweder trifft die Musik den Nerv der Zeit und den Geschmack der Konsumenten oder eben nicht. Das hat nichts mit dem jeweiligen Geschlecht zu tun. Pokultur ist auf Verkaufzahlen fokussiert. In einer derart sexuzalisierten Gesellschaft, bezweifel ich, dass Produzenten aufgrund eines fehlgeleiteten Geschlechterrollenverständnisses weibliche Künstler diskriminieren, in dem ihnen die Zugänge versperrt und verwehrt werden, durch die sie das öffentliche Interesse auf sich aufmerksam machen können. Sex sells. Und diesen umstand lassen sich weder produzenten noch Veranstalltungsbetreiber entgehen.
Es ist ja auch nicht so, dass sämtliche männliche Musiker zwangläufig erfolgreich mit ihrer Musik sind. Es existieren vielmehr Musiker, die ohne irgendeine Form von Erfolg Jahre lang darum kämpfen gehör zu finden, als jene die ein öffentliches Interesse genießen.
Klar kann man die Quote einführen. Ich bezweifel aber, dass das finanziell rentabel für die Festivalbetreiber ist. Und darum geht es den veranstalltern letztlich doch. Also werden vom Veranstallter doch jene Bands gebucht, die zum Zeitpunkt der Saison verfügbar sind und von denen man ausgehen kann, dass sie ein möglichst großes Publikum anziehen.
Würde eine Madonna bei einem Festival auftreten, würde die Ticketnachfrage sicher in gleicher Weise exoorbitant ansteigen, wie wenn Rammstein oder die Stones auftreten. Das ist keine Frage des Geschlechts. Es ist eine Frage der Nachfrage. Das der Anteil an weiblichen Musikern auf Festivals geringer ausfällt als der der Männer, liegt lediglich am prozentualen geringeren Anteil weiblicher Musiker, die auch ein öffentliches Interesse nach sich ziehen.
Erstmal den Verstand einschalten und überlegen warum die Dinge sich so verhalten und nicht immer gleich mit Scheuklappen dem entarteten Pseudidealismus gelangweilter Gutmenschen hinterher rennen,damit bloß niemand mit dem Finger auf einen zeigt.

Avatar von songs_for_cs songs_for_cs 29.03.2018 | 20:42

Ich begrüße das sehr, allerdings geht der Vorschlag noch nicht weit genug!
Was ist mit den ganzen miesen Machos im Rock´n´Roll der letzten Jahrzehnte, ihren sexistischen Texten und ihrer Unterdrückung? Wie sie die ganzen Frauen gezwungen haben, ihre Konzerte zu besuchen, manche sogar Backstage! Wollen wir wirklich so weiter machen? Oder wäre es nicht jetzt, ja genau jetzt, an der Zeit, Iggy, Zeppelin und Hendrix-Platten öffentlich zu verbrennen? Auch Visions sollte da in Revision gehen und Beiträge über Bands wie Turbonegro mit ihren unerträglichen Mikroaggressionen aus der Heft-Geschichte tilgen. Bei den letzten Grammys war die Rock-Quote ja sehr gering, vielleicht hilft hier eine radikale, totale Verweiblichung des Rock´n´Roll weiter, um diese Quote signifikant zu erhöhen? Auch finde ich, dass im internationalen Hip Hop und R´n´B der Anteil der asiatischen und weißen menschlichen Wesen viel zu gering ist. Wir brauchen auch da eine Quote! Wer macht den hashtag?

Ja, ich schäme mich für mein Geschlecht. Wirklich. Es gab noch so viele Polly Jean Harveys und Courtney Loves im Rock´n´Roll der 90er und wir dummen triebgesteuerten Männer haben sie machohaft unterdrückt. Sind wie Tiere zu den Festivals gepilgert, ungewaschen und mit der Bier-Bong in der Hand, haben uns Headbangend Motorpsycho und Kyuss reingezogen statt … ja die weiblichen Kyuss halt, die niemand kennt weil sie unterdrückt wurden. Wären wir nur bei Madonna oder Björk gewesen, dann wären wir jetzt politisch unverdächtiger. Kurzzeitig.

Ob das alles noch mit gesundem Menschenverstand zu tun hat, wen kümmert´s? Eine Quote ist immer ein sinnvoller Weg, um sich gegen das Patriarchat zu wehren. Ich hab jetzt mal meiner Freundin meine Nik Huber in die Hand gedrückt und häng mein Dasein in der Band an den Nagel. Es muss frischer Wind her. Außerdem dürfte sie dank Quote viel schneller auf einem Festival spielen können als ich. Sie hat gerade noch etwas Probleme beim Greifen mit ihren Gelnägeln, aber hey: Da müssen sich Fender und Gibson, die alten Macho-Kapitalisten, halt mal was einfallen lassen. Eine Quote mit mehr pinken Strats vielleicht? Wäre zu offensichtlich sexistisch, stimmt. Aber irgendwas MUSS passieren. Ich sah es ja schon seit vielen Jahren, die ganzen Frauen in den Proberäumen neben uns. Sie hätten die neuen Blackmail oder Queens of the Stone Age werden können, aber sie durften ihre Marshall-Türme einfach nicht in die verschwitzten Jugendzentren schleppen. Alles nur wegen dieser Macho-Kultur. Dafür ist Deutschland ja besonders berühmt. Und für junge Menschen mit Hornbrillen, die ihr Leben nur noch auf der in der Bachelor-Uni gelernten Metaebene führen.

Grüße an die Gegenrede, die sich in Männer-scheißen-sich-in-die-Hose-weil-sie-Angst-vor-Veränderung-haben ergehen wird und die Visions, die meinen Kommentar möglicherweise löschen wird - ihr wart mal gut und ich hab euch seit Ende der 90er gern gelesen, als es euch noch um die Musik ging.

Chris

Avatar von roland21 roland21 29.03.2018 | 21:42

Danke für diesen Beitrag. Ich hatte nämlich schon Sorge, dass ich wieder durch etlich überzogenes Gutmenschentum Gerede an den Pranger gestellt, gesteinigt und dann von den Dorfbewohnern mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Ort vertrieben werde. So wie es üblicherweise läuft, wenn ich einen kritischen Kommentar hier abgebe.

Schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Ich danke dur Chris. Vielleicht begegnen wir uns ja auf der Flucht vor dem wütenden Mob.

Avatar von roland21 roland21 29.03.2018 | 21:42

Danke für diesen Beitrag. Ich hatte nämlich schon Sorge, dass ich wieder durch etlich überzogenes Gutmenschentum Gerede an den Pranger gestellt, gesteinigt und dann von den Dorfbewohnern mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Ort vertrieben werde. So wie es üblicherweise läuft, wenn ich einen kritischen Kommentar hier abgebe.

Schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Ich danke dur Chris. Vielleicht begegnen wir uns ja auf der Flucht vor dem wütenden Mob.

Avatar von donostermann donostermann 30.03.2018 | 18:59

Ich fordere dann auch eine Tierquote ein.

Also ich kann mit den meisten Frauenbands überhaupt nix anfangen.
Bin ich jetzt ein Macho? Kleben bald #metoo-Aufkleber an meinem Wagen?
Die Geschlechterfrsge ist doch hier total unangebracht.
Beth Dito etwa ist doch ein tolles Beispiel. Die würde man auf jede Festivalbühne packen.

Avatar von roland21 roland21 31.03.2018 | 15:21

Ich kann es mir nicht verkneifen. Das geilste ist, dass die Redaktion sich hier noch nicht mal zu Wort meldet und Stellung zu ihrem Bockmist bezieht. Normalerweise sind die extrem schnell und fauchen sofort zurück. Ich mein es ist ja nicht die Idee der Redaktion gewesen eine frauenquote auf festivals eunzuführen. Das ist uns schon allen klar. Aber die Überschrift eures beitrags, sagt ja alles über Position aus, die die redaktion hier einnehmen möchte. Das sich hier jetzt noch keiner von euch dazu geäußert hat, beweist doch eigentlich nur meine These, dass sich hier einfach im blinden Eifer dem fehlgeleiteten Geschlechterdiskurs unterworfen wird und man jetzt erst merkt, dass man eine ziemliche Lachnumer abgeliefert hat.

Es tut mir leid Visions. Aber ihr seid echt echt peinlich.

Avatar von animalgod animalgod 31.03.2018 | 19:58

Ich kann mich da meinen Vorrednern nur anschließen und will noch anfügen, dass auch ein Magazin, wie die VISIONS sicherlich mehr Hefte verkauft, mit dem x-ten Beatsteaks- oder Queens Of The Stone Age-Titel, als mit Musikerinnen wie Torres oder Julien Baker. Die machen zwar wunderbare Musik, sind aber in Deutschland leider zu unbekannt...

Avatar von songs_for_cs songs_for_cs 31.03.2018 | 23:45

Also, nur damit wir uns nicht falsch verstehen, niemand sollte aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder anderer Merkmale daran gehindert werden, erfolgreich zu sein, egal in welchem künstlerischen oder gesellschaftlichen Bereich.

Ich verwehre mich nur dagegen, das, was man früher "gesunden Menschenverstand" nannte, im Zuge von Quoten und falsch verstandenem Minderheiten-Schutz aus dem Fenster zu werfen.

Ich hab mich in meinem ersten Beitrag nur auf das bezogen, was ich als "Rock´n´Roll" bezeichne - und ja, das war schon immer sehr männlich geprägt. Das hat sich vielleicht graduell oder in manchen Sparten verändert, aber wenn ich in die Indie-Clubs meiner Stadt gehe oder selber auftrete und mir das Publikum sowie die Bands bei Stoner, Hard Rock, Blues - oder Metalkonzerten und die anderen Proberäume anschaue, sind da halt hauptsächlich junge bis mittelalte Männer. Sicher auch Frauen, das könnten auch ruhig mehr sei, aber es scheint einfach mehr den Männer-Geschmack zu treffen. Das ist einfach die seit 25 Jahren beobachtete Realität, das hat erst einmal nichts mit Diskriminierung zu tun.

Im Hip Hop oder Electro mag das anders sein, aber darauf habe ich mich nicht bezogen, so wie ich auch die Visions immer als Rock-Zeitschrift verstanden habe.
Ich glaube auch, dass sich die Konzert-Buchungen eher am ökonomischen Erfolg orientieren - zumindest bei den großen Festivals. Ob das jetzt so toll ist, Stichwort Mainstream und Kapitalismus, ist wieder ein anderes Fass ohne Boden. Ich bin nur sehr erstaunt, wie sehr in diesen Tagen jeder Diskurs sofort mit dem Geschlechter-Label versehen wird, obwohl oft vielleicht wesentlich komplexere Dinge dahinter stecken.

Aber vielleicht werde ich auch alt und wenn der Weg schon beschritten wird seitens der FestivalveranstalterInnen, dann ist es eben so. Sollten die Clubs nachziehen, dürfte das eine interessante Zeit werden, zumal Live-Musik ohnehin schon auf dem absteigenden Ast ist. Da müssten sich schnell viele neue rein weibliche Rockbands hier in Mittelfranken gründen, um die 50% irgendwie aufzufangen. Vielleicht kann Gibson (die ja auch gerade abstinken) sie direkt aus den Hip Hop-Clubs mit Umsonst-Les Pauls rekrutieren? (neues Modell: "Les Bella"-die feministische Gibson) Nur konsequenterweise müsste sich dann ein Kontrollgremium oder Ministeramt um weitere Inklusion kümmern: Neben allen Gender-Formen müssen hier auch Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, kulturellem Hintergrund usw. berücksichtigt werden. Ob das Ad-hoc-Ergebnis dem Publikum gefällt, muss die immer erzieherischer auftretenden Medien ja nicht weiter interessieren. Eine Bereicherung wäre es allemal. Und alle ewig gestrigen können sich ja zu Hause Neil Young reinziehen. Gut, ich habe Rock´n´Roll mal anders verstanden, aber die Generation Spotify und iPhone tickt da glaub ich sowieso etwas anders…

Avatar von ichsachjanurmal ichsachjanurmal 26.05.2018 | 12:13

nützliche backgroundinfo zu diesem artikel:

dennis drögemüller hat ein autorenprofil.

das autorenprofil enthält eine liste seiner 20 "platten für die ewigkeit"

diese liste enthält nicht eine einzige weibliche künstlerin.

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