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13.12.2011 | 11:45 10 Autor: Britta Helm RSS Feed

Früher war mehr oldschool

News 15502Keine Ahnung von Pink Floyd, keine Flohmarktplatten und bitte keine Ahnengalerien toter Vorreiter, nur weil ich die Nachfolger mag. Ich höre keine alte Musik. Das muss ich erklären.

Die einfachste Antwort ist immer die Gegenfrage: Warum denn doch? Warum Musik hören, die schon bei meiner Geburt nicht mehr hip war, oft genug staubig klingt und sowieso nie wieder auf Tour kommen wird (und wenn doch, umso schlimmer)? Um zu lernen und verstehen, raunen dann die Alten und kontern jede Band, die mir gefällt, mit einer, die schon vorher da war und ohne die es heute gar nichts geben würde. „Du magst die und kennst jene nicht? Dann mach dich auf was gefasst!“ Und ich höre und bin am Ende weder schlauer noch bereicherter. Denn wenn es um gut und ungut geht, dann fühle ich bei alter Musik kaum je so viel wie bei neuer.

Nun muss man das zu Streitzwecken definieren und wenn schon, dann hart: Alt ist, was älter ist als ich, wir schneiden 1985. Und klar, ich habe auch Out Of Step und Keine Macht für niemand und "Quadrophenia" im Regal stehen (auf CD) und die Patti-Smith-Autobiographie letztens sehr gerne gelesen, und wenn ich das weiße Beatles-Album nicht komplett auswendig mitsinge, würde ich lügen. Aber das sind sorgfältige Ausnahmen. Fang mit Led Zeppelin und King Crimson und Tom Waits an, und ich will mich vor Langeweile in Sülzkuchen stürzen. Roll dazu noch die Augen, und ich dreh Frittenbude extralaut auf. Das ist kein Hass, das ist nur Verteidigung. Man muss nicht alles kennen und mögen, um sich auszukennen. Wenn alte Musik gut ist, weil sie Wege weist, wie gut kann dann neue sein, die aus allen vorhandenen Wegen wählen und noch neue suchen kann? Nicht jede, das versteht sich von selbst, aber wenn, dann kann sie immer weitergehen. Dem Vergleich zwischen Joy Division und Interpol mussten sich erstere nie stellen; letztere konnten daran wachsen (oder eben auch verlieren, das kann entscheiden, wer will). Und klangen dabei eben nie so entfernt und vergangen, selbst wenn sie wollten.

Das einzig wichtige Kriterium bei allem ist immer, was das mit mir zu tun hat, und das kann, was vor mir schon vorbei war, eben nie so gut wie das, was ich miterlebe. Alte Musik kann mir nichts glaubhaft versichern, ihr Horizont ist zwangsläufig begrenzt, und weil das natürlich für alles im Augenblick seines Entstehens gilt, bleibe ich lieber bei dem, was wenigstens mir selbst etwas bedeutet. Dass das bei anderen aus den Plattenschränken der Eltern kommt, ist nur logisch. Aber nicht nur Nostalgie lässt sich vererben. Als ich meinen Vater am Telefon nach einem Kinderfoto von mir für den Soundcheck fragen musste, war seine Antwort eine Gegenfrage: „Was willst du denn mit dem alten Mist?“

Dieser Text ist Teil des Alter!-Specials aus VISIONS 225 – jetzt am Kiosk.

alter!

Kommentare (10)

Avatar von surecamp surecamp 13.12.2011 | 13:46

Danke für diesen schönen Artikel!
Da habe ich mich letzte Woche schon drüber gefreut und kurz überlegt, dem Jan zu sagen, dass er dir ausrichten soll, wie großartig der Text ist!

Aber das sind sorgfältige Ausnahmen. Fang mit Led Zeppelin und King Crimson und Tom Waits an, und ich will mich vor Langeweile in Sülzkuchen stürzen.

Japp, schlimm, diese "Unantasbarkeit", dass es sich von Grund her verbietet, die "alten Götter" als langweilig zu bezeichnen.

im Regal stehen (auf CD)

Genau, auf CD oder als MP3. Weil Platten eben keinen tolleren, "wärmeren" Sound haben, umständlich zu handhaben sind und in den besten Momenten umgedreht werden wollen (wer will denn während einer Sigur Ros Platte aufwachen und -stehen??).
Aber wehe man sagt, dass man die zwei Plattenkisten in der Wohnung seit Jahren nicht mehr berührt hat, weil man die Sachen mittlerweile als MP3 hat.

Applaus, Frau Helm, für diese Zeilen!

Avatar von miksch miksch 13.12.2011 | 14:27

Vielen Dank für diese Worte! Bis jetzt hab ich immer nach Ausreden gesucht, aber bei diesen Zeilen wurde mir klar, dass ich mich gar nicht Rechtfertigen muss. Natürlich werde ich auch in Zukunft Lieder von Tom Waits, den Beatles oder auch Talking Heads zu schätzen wissen, aber ich werde sie nicht öfter hören als Strokes, Bon Iver oder Bombay Bicycle Club.

aber @surecamp: Ich kaufe keine CDs mehr, weil sie einfach verstauben und keinen Wert mehr haben. Ich setze auf Platten(+Downloadcode) und iTunes.
Platten haben vielleicht keinen wärmeren Sound, aber dafür einen ehrlicheren.
Bei Sigur Ros muss ich dir allerdings recht geben: Ich hab alle auf Vinyl, die man allerdings wirklich als Sammlerstücke abstempeln kann. Das liegt aber eher daran, dass auf eine Seite maximal 2 Lieder raufpassen.

Avatar von Woas Sois... Woas Sois... 13.12.2011 | 14:42

Ich kapiere den Text nicht ganz. Was hat mein Geburtsdatum damit zu tun ab wann ich eine Musik interessant finden kann? Hä? Dürfen mich Bauwerke auch erst interessieren wenn sie nach meinen unbeutenden Wurfdatum errichtet wurden? Ist der Pate und Apocalypse Now scheiße weil ich noch nicht auf der Welt war?
Die Dame schreibt was von "geh mir fort" mit alter Musik aber nennt natürlich auch gleich die Außnahmen die für Sie gelten. Sehr konsequent.
Da wurde einfach ein Text rausgesaugt als Antithese für dieses Alt-Special.

Avatar von LG1985 LG1985 13.12.2011 | 14:56

Ich empfehle die Diskussion ab "vs."09.12.2011 - 14:59 Uhr in diesem Thread:
http://www.plattentests.de/forum.php?topic=3963&seite=58

Grüße,
LG

Avatar von JakeofallTrades JakeofallTrades 13.12.2011 | 15:53

Bei Plattentest.de herrscht ja mal das unterste Niveau. Vllt. mal anmelden....

Zitat:
"Naja,Frauen und Technik.Frauen und Musik."

Avatar von Flagg1 Flagg1 13.12.2011 | 18:29

"Für Menschen, die irgendwann einmal den zweifelhaften Beruf ergriffen haben, öffentlich über Musik zu schreiben, wäre es mehr als lachhaft, sich nur für Künstler der letzten 30 Jahre zu interessieren." -
Jan Wigger: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,803485,00.html

Avatar von a.moroso a.moroso 13.12.2011 | 18:44

Manchmal hat man's schwer mit plattentests. Dass dort aber weiterhin interessante Themen behandelt werden, kann auch durch einige Troll-Hampelmänner nicht kaputtgeredet werden.

Avatar von SFRIED SFRIED 14.12.2011 | 09:49

Also ich kann mit dem Text auch nichts anfangen. Jedem seine Meinung und sein Musikgeschmack - das steht erst mal fest und wenn das eben nur die "neueren" Bands sind, okay. Aber als Redakteur eines thematisch breit aufgestellten Musikmagazins sollte man wissen, dass es stets von allem alles gibt, soll heißen, es gibt alte Bands, die zu Recht in Vergessenheit geraten, aber auch jene, die stilbildend und richtungsweisend waren / sind und auch nach -zig Jahren unverstaubt klingen (und selbst die, wie z.B. Pink Floyd, haben i.d.R. grandiose und verzichtbare Alben). Und genauso reicht die Spannbreite bei den aktuellen Bands bzw. Veröffentlichungen von "totaler Schrott" bis "göttlich", das hat mit dem Alter herzlich wenig zu tun. Und deshalb kann ich diese wiederholten "ich bin viel zu jung und hip für alte Musik"-Statements auch nicht nachvollziehen, denn für eine objektive Bewertung von Musik ist eben nicht das einzige Kriterium, was es mit Dir zu tun hat (subjektiv schon) und alte Musik kann Dir vermutlich deshalb "nichts glaubhaft versichern", weil Du es von vornherein unter Berufung auf Deine Jugend kategorisch ausschließt. Aber Scheuklappen sind schlecht für Musikredakteure, egal ob Du damit nun in die Gegenwart / Zukunft oder in die Vergangenheit schaust.

Avatar von hermason hermason 14.12.2011 | 14:59

Also, der Text ist schon gut in dem Sinne, dass er "Das Alte" entmachtet. Ich würde die Linie noch weiter in der Gegenwart ziehen, und dabei auch mehr verlieren, aber ja nun auch nicht wirklich verlieren. Es ist eher so eine Art Meta-Kommentar, der aufgelöst werden muss. Wenn die Alten eh viel zu gut waren, brauche ich auch gar nicht mehr anfangen. Habe ich einen Einfluss von etwas sehr Prominentem in meiner Musik, wird es nicht als Tribut oder als "passend" gewertet, sondern als Ideen-Diebstahl.

Um der Gedankenpolizei gar nicht erst Angriffsfläche zu bieten, denke ich mir einfach, dass man Frau Helms Claim hier noch ausweiten muss. Nicht 1985 die Linie ziehen, sondern 2011 bzw. in paar Tagen 2012.

Die Unterschiede positiv heraushören, aktuelle Künstler nicht redaktionell klein halten in Anbetracht (?) der Vergangenheit, Frittenbude viel häufiger in Texten grüßen, aber auch andere wie Zen Zebra oder Tanga Elektra oder so. So Bands von der Straße oder aus Leipzig einfach mal mit reinziehen in die Debatten um Altes und Verbrauchtes, um zu zeigen, dass sich da noch viel zu viel bewegt.

Grüße

Avatar von patrik24 patrik24 20.12.2011 | 11:49

Genau mein Thema, mit dem ich mich schon jahrelang beschäftige. Ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen. Ich gebe aber einem meiner Vorredner recht, dass die alten "Götter" auf jeden Fall vom Sockel gestossen werden müssen und sich einem fairen Vergleich mit neuen Künstlern stellen müssen. Ich finde, visions schafft da einen guten Weg, springt zwar manchmal auch zu schnell auf irgendeinen Hype Schnellzug auf oder hält einigen Indie oder Metall Größen der 90er zu sehr und zu lange die Stange, aber das sind eher die Ausnahmen.
Beim Hören von alter und neuer Musik muss ich mit meinen 51 Jahren aber auch einbeziehen, dass ich das "Alte" schon viel häufiger und zu bestimmten Zeiten meines Lebens gehört habe, bzw. über Jahre hinweg, und da fühle ich wieder ähnlich wie die wesentlich jüngere Autorin, als langweiligen Muff empfunden habe. Natürlich gehen dann "Stairway to heaven" oder "Child in Time" garnicht mehr. Aber neben "Crippled Black Phoenix" oder "The Strange Death Of Liberal England" läuft jetzt auch wieder ab und zu mal ein alter Led Zeppelin Song in meinem CD Player, z.B. "Achilles Last Stand".
Tom Waits hat mich übrigens in der Aufzählung sehr irritiert, ist er doch ein hervorragendes Beispiel eines Künstlers, der sich immer neu erfindet und neue musikalische Wege beschreitet. Um ehrlich zu sein, die neuen Sachen mag ich auch lieber...

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