Zur mobilen Seite wechseln
22.08.2001 Autor: DAS_EBS

Nine Inch Nails - The Fragile

Was erwartet man als Nine Inch Nails Fan von einem Album, auf das Reznor die Welt gute fünf Jahre warten ließ?
Einerseits freut man sich, endlich mal was Neues von einer Band(?) erster Güte, andererseits hat man Angst: Ist der Ideenreichtum und die musikalische Umsetzung nicht schon bei "The Downward Spiral" ausgereizt wurden? Kann man dieses Meisterwerk noch steigern, ohne als fade Kopie zu erscheinen? Und der Meister himself gibt die Antwort: Jein!
Sicher, es war eine schwere Zeit für Reznor und seine Mannen zu Zeiten der Selfdestruct-Tour (nomen est omen), es gab wohl kaum eine Musikzeitschrift in der das nicht nachzulesen war. Und es erfordert jede Menge Mut sich trotz der Eingangs erwähnten Fragen ins Studio zu setzen und ein neues Album zu konzipieren, was einerseits ein NIN-Album, andererseits nicht "The Downward Spiral v2.0" werden soll. Und das ist rausgekommen: eine Doppelalbum allererster Güte, 100 Minuten irgendwo zwischen monumental und größenwahnsinnig. Sicher dürfte es einige Fans von TDS enttäuscht haben, es ist eben anders, was ein sicheres Zeichen dafür ist, das Reznor Genie keinesfalls verbraucht, sondern immer noch zu neuen Ideen fähig ist.
Und es herrscht eher getragene Stimmung auf den zwei Silberlingen, sehr viel ruhiger und "cleaner", etwas elektronischer und doch ein Album das noch einen evtl. nur halben) Schritt weiter geht: "The Fragile". Die erste CD (left) beinhaltet den etwas lauteren Teil, der Opener "Somewhat Damaged" weht einem ohne Gnade mit reichlich Gitarren und jede Menge Power um die Ohren. Es wird lauter, es wird ruhiger, die Stimmung schwankt zwischen aggressiv und depressiv. Der Titeltrack "The Fragile" ist zwar nicht der Höhepunkt des Albums, aber ein wirklich brilliant ausgeklügeltes und sehr minimalistisches Werk. Ach wenn die Musik sicher die Reznor-typische Depri-Stimmung heraufbeschwört, schimmert im Gegensatz zu TDS immer noch ein Silberstreif Hoffnung am Horizont (z.B. "Were in this together", nicht wahr Louise?).
"No, you dont" prügelt dann wieder die Trommelfelle bis an die Schmerzgrenze und "The great Below" bringt letzten Endes wieder eine wunderschöne Ruhe in das Album. CD 2 (right) wirkt am Anfang etwas unentschlossen, irgendwo zwischen Pop, DrumnBass und dem gewohnten NIN-Sound. Dann wirds aber eher verhalten, was durchaus nicht negativ gemeint ist. Höhepunkt des Albums ist wohl der konträre Song "Underneath it all". Aggressive, schnelle Computerdrums kämpfen gegen Reznors ruhigen, beinahe sphärischen Gesang. Wahnsinn!!! Wem die Singles "We`re in this together" und "Into the void" gefielen, der wird vom Album angenehm überrascht sein, denn diese Singles sind nur ein kleiner Teil eines grandiosen Gesamtkonzeptes. Wer eine zweite TDS haben möchte, sollte vorher reinhören, "The Fragile" ist nicht für jeden Fan gleich gut, der eine mag sie, der andere wird Trent wohl für ein Weichei halten. Aber ein Album wird wohl nicht durch seine "Härte" besser, sondern durch seine Ideen. Und die Ideen sind hier wirklich gut umgesetzt, wenn auch nicht in der rauhen Menge wie bei TDS. Alles in allem, ein wirklich empfehlenswertes Album, für Nicht-Fans oder Gelegenheitshörer mit 23 Tracks wohl etwas anstrengend, aber dieses Album ist die Zeit, sich mit Kopfhörer und ner Cola 100 Minuten Musik zu "hören", 100%ig wert.
11 Punkte, mit Recht!

Plattenkritik schreiben