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18.07.2001 Autor: BLACKBRIAN

Travis - The Invisible Band

Ich bemühe zu Beginn meiner Plattenkritik eine Maschine die den Namen "Zeitmaschine" trägt und reise zurück ins Jahr 1997:
Eine Band aus Schottland, bestehend aus Sänger, Songwriter und Gitarrist Fran Healy, sowie Neil Primrose, Douglas Payne und Andy Dunlop, veröffentlicht ihr Debut-Album, das ähnlich wie Oasis "Definitely Maybe" in UK einschlägt wie eine Bombe. "Good Feeling" genannt bringt es einige Singles hervor, die fast allesamt erstklassige Rocknummern sind und definiert den BritRock als feste Größe.
Zwei Jahre später: Mai, 1999. "The Man Who" erscheint als Nachfolgealbum und tritt ein schweres Erbe an, denn wie toppt man den Erfolg des Erstlings?
Ganz einfach: Man macht nicht mehr Britrock, sondern wechselt zu Britpop und schreibt traumschlössergleiche Songs wie "Why does it always rain on me?", "Driftwood" oder "Slide Show". Das Jahr ist gerettet und wir sind um einen Meilenstein in der Musikgeschichte reicher!

Juni, 2001.
Was kommt nun? Nach den harten Klängen und den sanften Melodien kann eigentlich nichts mehr neues aus der Songschmiede Fran Healys entspringen. Und wie wahr diese Aussage ist, zeigt die Vorabsingle "Sing", zugleich erster Song des Albums "The Invisible Band":
In der Stimmung erinnernd an die großen Hits desVorgängers, schafft dieses Lied dennoch das Kunststück, sich in die Gehörgänge hineinzufressen und immer wieder nachgepfiffen zu werden auf allen Fluren dieses Kontinents. "Sing" wird zum Überhit des Frühsommers!!!

Lately nothing seems to be going right
Solo, why do you have to get so slow
For the love you bring wont mean a thing
Unless you sing, sing, sing.

Ein Song, der die einfachste aller Botschaften übermittelt: Mit Musik geht alles besser.
Darf ich es mir überhaupt anmaßen, ein Album zu rezensieren, das den Ansruch erhebt, mindestens so gut zu sein wie "The Man Who"?
Eigentlich nicht, denn "The Man Who" war groß, gewaltig, der Soundtrack für Glück, Liebeskummer und alles zwischendrin.
"The Invisible Band" ist ebensolches und entzieht sich damit dem Begriffsrahmen einfacher Worte. Doch ich will in mein Unglück rennen und es trotzdem versuchen.

Wie auch Fran Healy im zweiten Song "Dear Diary" versucht, seine Gefühle zu beschreiben.

Dear Diary
what is wrong with me
cos Im fine
between the lines.

Kennt Ihr dieses Gefühl, daß eigentlich alles gut sein sollte und Ihr Euch trotzdem ganz ungut fühlt. Dieser Song ist fragil und gleichsam beruhigend. Ein Meer der Ruhe und Besinnlichkeit mit einfacher Instrumentierung und unaufdringlichem Gesangspart.

Es folgt ein Stück nach bekannter Travis-Art: "Side"
Sanft dahinschwebende Melodien, Fran erzählt uns eine märchenhafte Geschichte und wir glauben ihm schon nach einer Minute, daß das Gras dort drüben wirklich grüner sein könnte.

Well I believe theres someone watching over you
theyre watching every single thing you say
and when you die theyll set you down and take you through.
Youll realize one day that the grass
is always greener on the other side.
We all live under the same sky
we all will live, we all will die
there is no wrong, there is no right
the circle only has one side.

Dann folgt "Pipe Dreams". Ein beschwingter Song mit melancholischem Unterton, wie eigentlich die ganze Platte ein wenig traurig daher kommt.

Id pray to God
if there was heaven
but heaven seems so
very far from here.

Wem kann man sich zuwenden, wenn niemand erreichbar scheint? Das Suchen nach dem einzig wahren Ziel endet oft in der Hoffnung, daß die Sackgasse, in der man sich befindet, nicht das Ende der Suche bedeutet. Letztlich bleibt die gleiche Aussage wie in "Side": Es
ist ein ewiger Kreislauf der Gezeiten:

And it all boils down
to the same old thing
just a yin and a yang
or a couple of pipe dreams.

"Pipe Dream" bedeutet übrigens "Luftschloss" oder negativer: "Hirngespinst".
Im folgenden Lied "Flowers in the window" wollen uns Travis dazu veranlassen, den Blumen beim Wachsen zuzuschauen und wir glauben ihnen, daß dies nicht als Scherz gemeint sein kann.

There is no season to feel bad
but there are many seasons to feel glad, sad, mad
its just a bunch of feelings that we have to hold
but Im here to help you with the load.
Wow, look at you now, flowers in the window
its such a lovely day and Im glad you feel the same
cos to stand up, out in the crowd, youre one in a million
and I love you so lets watch the flowers grow.

Ein Liebeslied der besonderen Art, eine Liebeserklärung an eine Person, an die Natur, das Leben selbst. Aber zum Lovesong in höchster Vollendung kommen wir später noch.
Erst einmal "The Cage", das bekannte Thema, daß man eine Person gehen lassen sollte, wenn man sie wirklich liebt. Viele Interpreten haben dieses Thema schon verwendet, aber nur Travis schaffen es, dies auf eine unvergleichbar überzeugende Weise zu tun. Es ist dieser Liebeskummer, dieser Schmerz tief drinnen, der ein neues, gutes, erfüllendes Gefühl entstehen lassen kann: Freundschaft!

You broke my soul, dear, you stole the plot
Theres nothing left here, cos you took the lot.
An empty cage is all I got.
Oh to keep her caged
would just delay the spring.

Wer die Platte bis hierhin gehört hat, der wird schon in höheren Ebenen dahingleiten, aber ihr/ihm sei versichert: Es ist noch lange nicht der Gipfel erreicht.
Ein wenig langsam kommt "Safe" daher, zumindest am Anfang. Doch im Refrain steigert sich die Sache wieder, wie man es von den vier Jungs aus Schottland gewohnt ist. Und ein wenig Travis-untypischer Humor schleicht sich plötzlich ein:

When I was young things didnt last
my only care stemmed to the price of sweets.
Now I am older, I can laugh
a dolly mixed up man with rotten teeth.
And I feel safe, so safe.

Im folgenden Stück übermittelt sich uns wieder eine sehr positive Botschaft: Habe keine Angst vor der Dunkelheit, denn es gibt irgendwo immer ein Licht, das es zu finden gilt.
"Follow the light" ist eine Hymne an die Hoffnung, denn in dunklen Momenten kann der Gedanke an Besserung den Weg zu ebendieser aufzeigen. Und wenn man noch Freunde sein eigen nennt, dann sind die guten Zeiten nur noch ein paar Schritte entfernt.

In the moonlight
youll dance till you fall
and always be here in my heart.
Just follow the light
and dont be afraid of the dark.

"Last Train" stellt den ersten Höhepunkt des Albums dar. Ein Lied über einen liebeskranken Menschen, der darüber nachdenkt, die Frau, die ihn verlassen hat, im schlimmsten Falle zu töten und in ihrem Verhalten die Schuld für sein Handeln zu sehen. Textlich ungewohnt für Travis, aber trotzdem ein Meisterwerk und musikalisch wohl das beste Stück der Platte. Was bleibt am Ende, wenn die Gefühle verletzt, getötet wurden? Wozu hat man geliebt? Fran Healy kann keine Antwort auf diese Fragen geben und in diesem Sinne endet auch "Last Train":

If you took all the little feelings in your heart
and took all those little feelings all apart.
Oh well now whats the point in doing all that?

Auf dem Weg zum finalen Superhit erreichen wir nun "Afterglow".
Eine gitarrenbetonte, mittelschnelle Ballade, aber mal ehrlich: Auf welchen Song von Travis passt diese Beschreibung nicht? Eben. Wer "Sing" kennt, der kennt die Art der Musik, die die Schotten machen. Das Besondere an jedem einzelnen Lied ist die Seele, die Fran ihm mit seiner Stimmer gibt, die Intention des Textes oder vielmehr das, was die Texte und im Gesamten auch die Songs dem jeweiligen Hörer bedeuten.
Im Booklet bedanken sich Travis am Ende bei allen Fans und "schenken" ihnen die Songs:
"Thank you for getting this record. These songs belong to you now!"
Da kann man kein Stargehabe erkennen. Diese Band weiß, für wen sie ihre Lieder macht und wen sie letztendlich damit glücklich machen kann.

Feeling myself all of the time
all of the time feeling alright
taking a while raising a smile
raising a smile makes it all worthwhile.

Begeben wir uns zum vorletzten Song "Indefinetely".
Da gibt es mitten im Lied diese eine Stelle, wo ich fast dahingeschmolzen wäre. Es bedarf jedoch des mehrmaligen Hörens um diese Stelle für sich selbst zu entdecken und manche werden es wohl nie so empfinden können wie ich. Als Hinweis sei folgende Textstelle erwähnt:

Now I can see the light
cicrcling round your reflection.

Aber ich bin auch manchmal ein hoffnungsloser Romatiker, wobei ich denke, daß Fran Healy ein ebensolcher ist, sonst würde er nicht diese Art von Songs schreiben und singen, und letzten Endes müssen wohl alle Travis-Fans ein wenig romantisch veranlagt sein. Wer zu dieser Musik träumen kann, der muss ein Stück seines Inneren dafür opfern, bekommt dafür aber garantiert das große Gefühl inklusive Gänsehaut zurück. "The Invisible Band" ist kein Mensch, der einen gefühlsmäßig verletzten könnte, wenn man sich zu sehr öffnet, nein, das Album ist pures Gefühl, das sich jeder/jedem offenbart, die/der sich darauf einlassen will.

Mit dem Weckton eines Reiseweckers kündigt sich das wunderbarste, das gewaltigste, das schönste, das perfekteste....(Uwe, mir gehen leider hier die passenden Superlative aus, aber sei Dir versichert: Ich verwende sie nicht zu Unrecht, auch wenn Du anderer Meinung sein solltest. Könnte ja sein, daß Du eben nicht zu denen zählst, die ich eben als solche erwähnte, die Zugang zu Travis finden.)...ach vergesst es. Es ist einfach nur ein kleines, zerbrechliches Liebeslied mit dem trolligen Titel "The Humpty Dumpty Lovesong".
Doch als ich es zum ersten Mal hörte, wusste ich: Hätte die CD hundert Mark gekostet, ich hätte sie mir gekauft. Es ist nicht zuletzt dieser letzte Song, der für mich nur ein Urteil zulässt: "The Invisible Band" ist die Platte des Sommers und wenn in den nächsten Monaten nicht etwas wirklich großartiges einer anderen Band erscheint, dann wird es auch die Platte des Jahres werden.

All of the kings horses
and all of the kings men
couldnt pull my heart
back together again.

All of the physicians
and mathmeticians too
couldnt stop my heart
from breaking in two

Cos all I need is you
I just need you.
Yeah you got the glue
so Im gonna give my heart to you.

I had a premonition, a movie in my mind
confirming my suspicions of what I would find.
It followed me to L.A., down to Mexico,
came in through the back door at the start of the show.

Cos all I need is you
I just need you.
Yeah you got the glue
so Im gonna give my heart to you.

It was a perfect day
and a perfect way
you know something had to go
you left me high, you left me low

And as I lie in pieces, I wait for your return
the sun upon my forehead burns baby burns.
An eye on all my horses, you slept with all my men
Never gonna get it together again

Cos all I need is you
I just need you.
Yeah you got the glue
so Im gonna give my heart to you.

Ganz leise schleicht sich die Stimme in unser Ohr, nur unterstützt von einer einsamen Gitarre. Aber langsam entfaltet sich der Song, wird größer und Streicher umschmeicheln die wunderschöne Melodie. Es ist ein Song von der Sorte, die man immer wieder hintereinander hören kann und hören will. Allein beim Schreiben dieser Zeilen genoss ich das Stück fünfmal.
In der Mitte des Liedes dann der Einsatz des Schlagzeuges, das erstaunlicherweise die Stimmung nicht zerstört sondern sehr passend ergänzt.
Und am Ende?
Nun, selten zuvor habe ich ein solches Ende einer CD erleben dürfen. Ich verliere hier und jetzt keine Worte darüber, denn Worte können dieses Gefühl gar nicht beschreiben. Ihr müsst es selbst erleben und ich kann Euch besten Gewissens sagen: "The Invisible Band" ist nicht nur hörenswert, nein, die Platte ist fühlens- und erlebenswert.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen schönen Sommer.
Und wenn ihr abends entspannt in Eurem Liegestuhl oder in Eurem Sessel sitzt und im Radio plötzlich der erste Ton von "Sing" angestimmt wird, dann lehnt Eure Seele zurück und beginnt zu träumen.

Brian Schwarz.

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