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08.12.2021 Autor: Jack Crabb

Turnstile - Glow On

Auch wenn die Pandemie die Event-Branche immer noch fest im Griff hat, darf man gerne schon mal folgende Prognose stellen: Turnstiles aufgedrehter Hardcorepunk ist für verschwitzte Moshpit`s wie gemacht.

Es sind Bilder wie aus einer anderen Zeit: mehrere hundert Menschen tummelten sich im vergangenen Sommer anlässlich der Release-Show zu „Glow On“ eng an eng vor einer Open-Air-Bühne irgendwo in Baltimore. Möglich machten das die in den USA wieder fallen gelassenen Einschränkungen trotz hoher Inzidenz. Längst hat sich herumgesprochen, wie es auf den Shows von Turnstile abgeht. Schließlich gehören Pogotanz und Stagediving bei einer jeden Hardcore-Show zur Pflicht. Und auch wenn uns die Geburtsjahre der Bandmitglieder verraten, dass hier nur die Enkel der ersten Generation am spielen sind, versprüht ihre Musik doch jene unschuldige Wildheit, die in diesem Genre nur noch die Wenigsten zu vermitteln wissen.

„Time & Space“ zog bereits das jüngere Publikum in Scharen an und ließ die Älteren in Nostalgie schwärmend versinken. Vermutlich wäre es für Turnstile das Leichteste gewesen sich einfach zu wiederholen. Stattdessen biegt „Glow On“ mit seiner dicken und modernen Produktion kurz vor der Sackgasse scharf in Richtung großer Bühne ab. Produziert wurde das Album von Mike Elizondo, der sich bislang durch seine Zusammenarbeit mit Mainstream-Künstlern wie Alanis Morissette, Ed Sheeran oder Dr. Dre einen Namen gemacht hat. Niemand, den man mit einer Punkband in Verbindung bringen würde, klar. Vielmehr stellt Elizondo hier eine klangliche Spielwiese bereit, dessen äußere Markierung zwar von allen Spielarten des Punkrocks bestimmt wird, auf der aber Alles erlaubt ist, was Spaß macht.

Turnstile bedienen sich wahlweise bei New-York-Hardcore-Legenden wie Sick Of It All, progressiven Feingeistern wie Snapcase oder 90er Skatepunk. Ausgekleidet sind ihre Songs mit ätherischen Synthesizern, wirbelnden 80`s-Drumfils oder entspannten Hip Hop-Beats, kurz und knapp zusammen gefasst im stürmischen „T.L.C (Turnstile Love Connection)“. Zu den neu gewonnen Facetten gehören von nun an aber auch poppig akzentuierte Songs wie „Underwater Boi“ (mit Julien Baker als Gastsängerin) oder das sonnige, an New Wave angelehnte, „New Hear Design“. Mit Devonté Hynes (Blood Orange, Lightspeed Champion) gesellt sich dann ein weiterer unerwarteter Gast hinzu. “Alien Love Call” klingt nicht von ungefähr wie ein Song von Blood Orange, auf dem Turnstile gefeatured werden und nicht andersrum. Gut tut diese Entschleunigung mittendrin aber trotzdem, genauso wie der träumerische Dreampop von „No Surprise” kurz vor Ende, wenn dieser nicht vom letzten Song „Lonely Dezires“ (ebenfalls mit Devonté Hynes) nach nur wenigen Sekunden für beendet erklärt werden würde. Ein derartiger Twist ist aber nur zu typisch für so ein erfrischendes und abwechslungsreiches Album.

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