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27.06.2021 Autor: Jack Crabb

International Music - Ententraum

Das lässt aufhorchen! Mit ihrem zweiten Album hauen International Music eine jener Platten raus, die alle Kritiker in panische Erklärungsnot bringen. „Ententraum“ ist ein prall gefüllter Schmelztiegel, in dem locker ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte köchelt. Drei Jahre nach „Die besten Jahre“ gießt die Gruppe ihr ganzes Können langsam aber sicher in hitverdächtige Formen.

Es gibt das ungeschriebene Gesetz, dass es uncool sei, als Student in einer Rockband zu spielen. Peter Rubel, Gitarrist und Sänger von International Music, ist ausgebildeter Komponist. Wirklich notwendig wäre sein Besuch an der Universität nicht gewesen, nur um mit seinen Freunden Pedro Concalves Crescenti und Joel Roters Musik zu veröffentlichen. Und erst recht nicht, wenn diese weit genug von dem Anspruch entfernt ist in irgendeiner Form perfekt oder virtuos zu sein. Roters, seines Zeichens Schlagzeuger der Band, lernte sein Instrument sogar erst spielen, als er bei der Gruppe vor sechs Jahren einstieg. Das Improvisatorische und Freigeistige, dass ihren Songs innewohnt, erinnert an frühe Krautrock-Künstler aus Deutschland. Gepaart mit der Power eines klassischen Rock-Trio`s ergibt dies eine aufregende und kraftvolle Symbiose.

Was schon nach dem ersten Hördurchgang feststeht: „Ententraum“ rockt. Ein Gedanke, der zwar bei all der demonstrativ zur Schau gestellten Nicht-Coolness des Essener Dreigespanns für ein leichtes Schmunzeln sorgt, der aber seine Berechtigung hat. „Fürst von Metternich“ und „Höhle der Vernunft“ marschieren mit fetzigen Gitarren im Gepäck selbstbewusst vorneweg, wollen einen aber noch viel lieber an die Hand nehmen und auf die Tanzflächen der Republik zerren. „Misery“ zitiert gekonnt Postpunk alter Bauart, ehe einem der wunderbar harmonische Chorgesang von Rubel und Crescenti ein weiches Bett aufschlägt, in das man sich zu gerne fallen lassen möchte. Überhaupt fragt man sich, woher International Music all diese überirdischen Melodien herhaben, die „Ententraum“ so magisch machen. „Ich will wie immer ein bisschen Zucker“ trällert es unablässig in „Zucker“. Und diese Forderung hat schon fast etwas Metaphorisches, so sehr wie sie den unstillbaren Hunger dieser Songs in Worte fasst.

Egal in welche Richtung man hier blickt, „Ententraum“ bietet unendliche Weiten und Platz für alles, was eine gut sortierte Plattensammlung (vorzugsweise aus den 60er und 70ern) hergeben sollte. „Wassermann“ hat einen unwiderstehlichen Disco-Groove, der durch den gesamten Körper fließt. „In der Tiefe schläft ein Riese. Ist er gut drauf, weck ich ihn auf“ heißt es da und auch hier fügen sich die manchmal etwas schnörkelhaften Worte und die leichtfüßige Musik zu einem einleuchtendem Ganzen zusammen. Das Schöne an diesem Traum ist, dass man ihm seine Referenzen nicht gleich anhört, weil hier Alles ineinander fließt, ohne auch nur in einem Moment in Eklektizismus zu verfallen. „Heute kauf ich mir ein neues Glas Marmelade. Heute kauf ich mir nen neuen Rock.“ So eine Zeile kann man auch einfach mal völlig uninterpretiert stehen lassen. Und wenn über all dem ein hypnotisches Gitarrenriff kreist, dass Lou Reed und Sterling Morrison glatt von den Toten auferstehen lassen könnte, ist der geniale Irrsinn perfekt. Man muss schon ein paar Schrauben locker haben, um auf solche Ideen zu kommen. Wenn sie aber eine so bewusstseinserweiternde Wirkung erzielen, wie auf „Ententraum“, dann sind sie die fetteste Schatztruhe, die es dieses Jahr auszugraben gibt.

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