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27.05.2021 Autor: Jack Crabb

Die Ärzte - Hell

Eines muss man Die Ärzte lassen: wenn sie zurück kommen, dann aber richtig. Mit neuem Album, riesiger Tournee und auf Vinyl gepressten Singleauskopplungen, inklusive B-Seiten. Macht ja sonst kaum noch wer. Halbe Sachen gibt es bei der Besten Band der Welt nicht. Etwas wirklich Interessantes gibt es wiederum über ihr neues Album „Hell“ nicht zu erzählen.

Für abgestandene Scherze sind sich Die Ärzte auch knapp vor der 60 immer noch nicht zu schade. Das Intro zu ihrem neuen Album, „E.V.J.M.F“, ist so ein Moment. Zu lauwarm blubbernden Synthesizern und betont albernem Autotune gibt Farin Urlaub einer seiner typischen Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Strophen zum Besten. Kostprobe gefällig? „Unser Streben nach Schönheit und Perfektion. Führt uns wieder zurück ans Mikrofon. Führt uns wieder zurück ins Rampenlicht. Aber eigentlich brauchen wir die Lampe nicht. Denn wir leuchten im Dunkeln, wir blitzen und funkeln...“

Urlaub, der seit eh und je absolut frei von Eitelkeit seine Texte schreibt und, wenn wir ehrlich sind, schon immer einen nicht zu kleinen Schatten auf sein Spandauer Pendant am Schlagzeug warf, versucht auf „Hell“ leider vergebens sich nochmal ein Ass aus dem Ärmel zu schütteln. Gerade er war es, der in den schwächeren Phasen der Band immer noch für den ein oder anderen besonderen Augenblick sorgen konnte. Stattdessen setzt er hier auf die immer gleichen Griffe aus der Trickkiste und schreibt Songs, die sich leider nur noch altbacken anfühlen und wie die Variation einer Variation klingen („Plan B“, „Warum spricht Niemand über Gitarristen?“, „Wer verliert, hat schon verloren“) oder derart weichgespült daherkommen, dass man schon vor Augen hat, wie es demnächst in ausverkauften Stadien zweieinhalb Stunden lang freudiges in-die-Hände-klatschen gibt („True Romance“). Das rundum überzeugende „Ich am Strand“ bleibt da auch nur eine angenehme Ausnahme.

Dabei war das Konzept über Jahrzehnte hinweg so simpel wie originell. Dieses Trio hatte es immer hervorragend verstanden, die eigene musikalische Limitation mittels origineller Persiflage zu überspielen. Ihr zwangloser Umgang mit Musik und die textliche Verspieltheit bei den Song-Themen verlieh ihnen spätestens in den 90ern einen schwer greifbaren Ausnahme-Status. Punkrock, Metal, Ska, Rockabilly, Country, Pop und vieles mehr. Die Palette an Stilen, die sich Die Ärzte über die Jahre drauf geschafft haben, wurde mit jedem Album immer länger. Auch „Hell“ bietet wieder die gewohnt bunte Vielfalt. Was dennoch fehlt sind die überraschenden Momente und der Biss vergangener Tage. Und auch wenn es im Universum der Band bislang noch an einem echten Oi-Punk-Song fehlte, braucht es den von Bela B („Alle auf Brille“) am aller wenigsten. Immerhin sorgen „Achtung: Bielefeld“ und „Fexxo Cigol“ dann doch noch für etwas frischen Wind und wohltuende Erheiterung auf diesem sonst ziemlich nach Muff riechendem Werk.

Das Die Beste Band Der Welt zuletzt nicht mehr die höchste Priorität bei Bela B, Farin Urlaub und Rod Gonzales genoß, sollte nicht überraschen. Nennen wir es ein Privileg reicher Musiker. Allerdings fühlt sich die ewig wiederholende Geschichte der dysfunktionalen Band, die sich immer wieder finden musste, langsam aber sicher etwas auserzählt an. Dafür wirken Die Ärzte auf „Hell“ mittlerweile viel zu berechenbar und zu harmlos. Ein Witz bleibt nicht für immer lustig, nur weil man ihn immer wieder erzählt. Der Zauber des würdevollen Alterns, den sie über Jahre hinweg wie sonst niemand versprühten, er wirkt kaum noch.

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