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29.04.2021 Autor: Jack Crabb

Audio88 & Yassin - Todesliste

Audio88 & Yassin - Todesliste Bewertung: 8/12

Deutschraps schlechtes Gewissen meldet sich zurück. Jahre lang rappten Audio88 & Yassin über das Leben im Falschen und ihrem Ekel vor der eigenen Szene. Jetzt richtet sich ihre Wut gegen Neu-Rechte und ihre stillen Befürworter.

Realness. Ein Wort, dass in der Welt vieler Rapper eine absurd große Bedeutung hat. „Real“ sein heißt authentisch, also echt sein. Die beiden Wahl-Berliner Audio88 & Yassin nahmen ihre ersten zwei Alben „Zwei Herrengedeck, bitte“ und „Nochmal zwei Herrengedeck, bitte“ zum Anlass um von Alkoholkonsum, Frust, Existenzängsten und den allgemeinen Unzulänglichkeiten des Lebens zu erzählen. Mittlerweile hat sich das Blatt für das Duo gewendet. Mann lebt nun von der Musik, hat mit „Normale Musik“ ein eigenes Label und rangiert zum vierten Mal in Folge mit einem Release auf den oberen Chartplätzen.

Eine gute Nachricht gleich vorweg: auch wenn auf „Todesliste“ auf das traurige Deutschrap-Elend nicht mehr ganz so oft gespuckt wird wie früher, können Audio88 & Yassin immer noch herrlich gegen ihre Kollegen ätzen. Besonders Audio88 läuft in „Kein Regen“ und „Todi“ zur Höchstform auf. Thematisch knüpft das fünfte Album der Rapper dort an, wo sie auf „Halleluja“ mit „Warum ich Menschen nicht mag“ und „Schellen“ aufgehört haben. Die größte Reibung erzeugen jedoch die Momente, bei denen der Finger auf unsere Gesellschaft zeigt. „WUP“ (Weiß und privilegiert) ist eine zynische Erörterung über Hautfarbe und gesellschaftliche Privilegien. Das schon fast entspannt dahinschlendernde, dabei ungemein zynische „Ende in Sicht“ könnte auch ein übrig gebliebener Track von Yassin`s grandiosem Soloalbum „Ypsilon“ sein. Die größte Überraschung ist das mehrdeutig interpretierbare „Garten“, eine Kollaboration mit dem früherem SIXTN-Mitglied Nura.

In puncto Sounddesign ist „Todesliste“ ein erfrischend zeitgenössisches Album geworden. Die Mischung aus schmuddeligem Bumm Tschak und modernen Elementen ist vollends geglückt. Auf Audios und Yassins guten Geschmack bei der Produzenten-Wahl bleibt Verlass. Seien es enge Freunde aus den Anfangstagen der MCs wie Torky Tork oder Suff Daddy oder Haftbefehls Haus- und Hof-Sounddichter Bazzazian: der Input ist vielfältig- die Beats sind alle wie aus einem Guss. Und dass Yassin nun Sänger und Rapper in einer Person ist, tut kein bisschen weh und fügt der Farbpalette eine neue Nuance hinzu.

Natürlich spült einen Musik mit solch schwerem Inhalt in keine Modus Mio-Playlist. Aber darum scheren sich Audio88 & Yassin ohnehin nicht. Viel mehr liefern sie mit ihren teils poppig angehauchten Tracks die politischen Ansagen, die sich in der hiesigen Szene nach wie vor die wenigsten trauen. Zum differenzierten Diskurs laden sie den Zuhörer aber nicht ein. Dafür bleiben sie ihrer Battlerap-Herkunft zu nah. Sie tragen ihr Herz nun mal auf der Zunge. Und das ist auch völlig in Ordnung so.

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