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02.11.2020 Autor: Jack Crabb

Jehnny Beth - To Love Is To Live

Lieben heißt Leben: Savages-Sängerin Jehnny Beth bringt das weite Spektrum der Liebe mit unheilvollen Industrialrock und zärtlichen Klaviertönen zum klingen und lässt einem die Schamröte ins Gesicht schießen.

Camille Berthomier, so der eigentliche Name der gebürtigen Französin, ist einer der gefährlichsten Frauen im gegenwärtigen Rock. Schon mit ihrer Haupt-Band lehrte sie jener von Männern dominierten Welt mit bissigem Postpunk ein klein wenig das Fürchten. Jene liegt nun schon seit drei Jahren auf Eis. „To Love Is To Live“ klingt dabei nach weitaus mehr, als nach einem gut platzierten Lückenbüßer.

Beth liebt das Spiel mit der Androgynie. Auf der Bühne kombiniert sie gerne weibliche mit männlicher Mode und mimt auf Zentimeter hohen Absätzen die martialische Kriegerin. Jetzt steht sie zum ersten Mal ganz alleine im Zentrum der Musik, erzählt von Liebe und Lust und lässt den Zuhörer mehr denn je ihrer bedrohlichen Kunst ausgeliefert.

Schon der erste Song „Iam“ ist eine Verheißung. Eine verfremdete Stimme, vermutlich ist es Jehnny Beth selber, spricht gegen einen nervös tickenden Uhrzeiger an: „I am naked all the time. I am burning inside. I am the voice no-one can hear. I am drifting through the years. I am the ocean. I am the moon. I'm dying far too soon. I am the needle. And I am the oil. I grew handsome too. I am sorry for my mistakes. I will take you. Warm, warm ground...“. Am Ende stürzt der Song in einen schwarzen Abgrund. Es folgt kurz Stille, ein verhaltenes Klavier beginnt zu spielen und Jehnny Beth fängt mit leicht zerknirschter Stimme an zu singen.

Ein beeindruckender, intensiver Beginn, nach dem einem beinahe die Luft wegbleibt. „To Love Is To Live” lädt nicht zum Entspannen ein. Vielmehr schnallt einen Beth hier an einen Schleudersitz, der sich zu jeder Zeit zu lösen droht. In „Flower“ wechseln sich fiebrig brummende Bässe in den Strophen mit einem klaren, fast lieblichen Refrain ab, während Jehnny Beth mal erregt und zitternd, dann wieder mit beinahe kindlicher Stimme über heimliche Begierden singt.

Ruheinseln wie „The Rooms“ oder „French Countryside“ erinnern daran, dass das zu Hause der Sängerin das Klavier ist, auch wenn einen die messerscharfen Instrumentals von „Innocence“, „Iam The Man“ oder „How Could You“ immer wieder rücklings aufgabeln. Die beiden Industrialrock-Spezialisten Flood und Atticus Ross sind es, die dafür sorgen, dass dieser gut durch gekochte Crossover seine Wirkung nie verfehlt. Wenn Jehnny Beth, Gemma Thompson, Ayşe Hassan und Fay Milton wieder für ein neues Savages-Album zusammen finden werden, sollte dieses am besten so klingen wie „To Love Is To Live”: eklektisch, hart und schwärzer als alles, was die Musikerinnen je gemacht hat.

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