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16.04.2020 Autor: Jack Crabb

Bon Iver - i,i

Justin Vernon`s viertes Album schafft Alles: Fans befriedigen, den Kritikern widersprechen und immer noch unverwechselbar klingen. Der exklusivste Indierock-Künstler der letzten Jahre zieht sein Ding weiterhin kompromisslos durch und klingt mittlerweile so gefestigt wie noch nie.

Dabei scheint auf „I,I“ von Bon Iver erst mal Alles vertraut. Für den Pop-Otto Normalverbraucher hören sich diese Songs immer noch ästhetisch schwer nachvollziehbar- und wie von einem anderen Planeten an. Für Manche war schon „22, A Million“ eine Zumutung. So weit will es Vernon diesmal aber nicht kommen lassen. Das neuste Werk ist seine bislang gründlichste Arbeit, die seine zurückliegende Diskographie perfekt zusammenfasst.

Auf „I,I“ verwachsen die knisternde Lagerfeuer-Atmosphäre von „For Emma, Forever Ago“, der in Watte eingepackte Soft-Indierock von „Bon Iver, Bon Iver“ und die elektronischen Verstümmelungs-Fantasien von „22, A Million“ zu einer Gestalt. Die wichtigste Erkenntnis lautet aber: Vernon schreibt endlich wieder richtige Songs. Und was für welche!

Den dem einstigen Folk-Barden und mittlerweile zum Gesamtkunstwerk gewordenem Amerikaner ist es gelungen, aller Widerspenstigkeit und stilistischer Extravaganz zum Trotz, seine verborgenen Rohdiamanten endlich zu so etwas wie Hit`s zu schleifen. So wächst aus den wilden, rhythmischen Zuckungen in „Holyfields,“ nach und nach ein fragiles, aber um so schöner anzuhörendes Pop-Kleinod. Die Ballade „Naeem“ wird von nur wenigen Klavierakkorden und wundervollen Chören getragen und das romantische „Marion“ hätte sicher auch auf dem Singer-Songwriter-Debüt seinen Platz gefunden. Man könnte wirklich jeden Song von „I,I“ hervorheben, die große Hymne des Albums liefert Vernon aber mit „Hey, Ma“, in dem er über seine Kindheit und die Beziehung zu seiner Mutter so herzerweichend singt, dass einem schon fast ein paar Tränchen die Wange runter kullern.

Bleibt also festzuhalten: der aus Wisconsin stammende Multiinstrumentalist, Grammy-Preisträger und Kanye West-Protegè bleibt mit seiner Musik allein weiter auf weiter Flur. Und dafür musste er sich nicht einmal neu-erfinden. „I,I“ ist nicht nur sein gefestigtes und gründlichstes- sondern sein mit Abstand bestes Album geworden. Mal sehen, wo ihn das noch hinführt.

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