Zur mobilen Seite wechseln
30.03.2020 Autor: Jack Crabb

Kummer - Kiox

Das kommt gar nicht so überraschend: Kraftklub`s Felix Kummer bringt sein erstes Soloalbum raus. Statt zum zappeligen Indierock seiner Band, rappt Kummer jetzt zu unterkühlten Trap-Beats. Eine spannende und so was von überfällige Zusammenkunft.

Als Kummer zu Beginn der 2010er Jahre mit Kraftklub das Debüt „Mit K“ veröffentlichte, wurde der Crossover aus „Hives“schen Rock und dem unaufgeregtem Sprechgesang des Frontmannes von der Musikpresse schon beinahe als Innovation beschrieben. Dabei hatten die Chemnitzer einfach nur ihre beiden größten musikalischen Vorlieben miteinander verkuppelt. Heraus kam dabei nicht mehr und nicht weniger als eine neuer, erfrischender Entwurf von deutschsprachiger Popmusik.

Kummer's Rap-Sozialisation fand in den 00-Jahren statt, als er sein Elternhaus statt mit Punkrock oder Metal lieber mit Testosteron-geladenem Gangsterrap wie Sidos „A********song“ verstörte. Für grimmige Selbstdarstellung ist ihm auf „Kiox“ seine Zeit zum Glück zu schade. Möchte man Kummers Ausflug in Deutschrap-Gefilde genauer einsortieren, bleibt eigentlich nur der Conscious-Bereich übrig.

Wem das autobiografisch gefärbte „9010“ kalt lässt, der fühlt auch sonst nichts mehr. Auf einem zähen, sterilen Beat arbeitet Kummer seine Erfahrungen mit rechten Schlägern in seiner Jugend auf. Das hinter dem Track mehr steckt, als eine Täter/Opfer-Geschichte, zeigen seine einfachen- aber mit Bedacht gewählten Worte, die geschickt zwischen Verabscheuung und Empathie für seinen Peiniger differenzieren.

Im selbstironischen „Nicht die Musik“ gibt er all die Alpha-Gangster (Grüße gehen raus an die Bizeps-Brudis Kollegah und Farid Bang) und Selbstoptimierern der Lächerlichkeit preis, hinterfragt in “Wieviel ist dein Outfit wert“ den Hype um teure Klamottenmarken und beschreibt in „Schiff“ ostdeutsche Minderwertigkeitskomplexe im Jahr 2019. Und auch wenn Kummer nicht der geborene Spitter unter allen MCs ist, gibts mit „Aber nein“ (mit Keke und Lgoony) einen waschechten Battle-Track.

„Kiox“ ist nicht nur randvoll mit klugen Weisheiten, sondern auch musikalisch ein den Zeitgeist umarmendes Popalbum mit Rap geworden. Dafür hat Kummer übrigens dem Berliner Allround-Talent BLVTH seine Songs anvertraut. Sein modernes, progressives Sounddesign trägt durchgehend eine Handschrift, verschließt sich aber auch nicht vor atmosphärischen Postrockgitarren oder nebligem New Age-Flimmern, wie das finale „Ganz genau jetzt“ eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Plattenkritik schreiben