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20.12.2018 Autor: animalgod

Die Nerven - Fake

Lobgesänge wo man nur hinhört und die Charts machen sie mittlerweile auch schon klar. Es läuft bei Die Nerven. „Fake“ ist nicht nur ihr bisher bestes Album, es trifft auch den Nerv der Zeit. Das kam für die Stuttgarter aber überraschend: „Ähm...wir sind eben mit FAKE auf Platz 13 in den Albumcharts eingestiegen! LOVE FOREVER, Die Nerven“. Auf seinem viertem Album reizt das Trio den Kontrast zwischen brachialer Noise-Gewalt und griffigen Strukturen so weit wie noch nie aus. Nach hohen Chart-Platzierungen klingt diese Band eigentlich immer noch nicht. Melodischer und Song-orientierter sollte das neue Werk werden. Aber eben immer noch ein Die Nerven-Album mit Wiedererkennungswert. Die ersten Ideen entstanden auf Tour und bei Theaterproduktionen. Später wurden dann erste Demos angefertigt, aus denen schließlich ein ganzes Album entstand. Wenn es um Albumtitel geht, lieben es Die Nerven kurz und schmerzlos. „Fake“ hätte vergangenes Jahr genauso gut an Stelle von „Alternative Fakten“ zum Wort des Jahres gekürt werden können. Dieser Begriff fasst aber ebenso gut zusammen, um was es in diesen 12 Songs geht: das gefährliche Zeitalter des Internets und die zunehmende Paranoia und Entfremdung in unserer Gesellschaft. Allerdings wären die oft kargen Worte von Max Rieger und Julian Knoth auf „Fake“ ohne die bildhaften Klanglandschaften nur reine Prosa. Auf dem vierten Album schillert der Nerven-Sound jedenfalls so prächtig, wie noch nie und spannt einen Bogen, der von Noise, über Punk bis hin zu Pop und sogar Jazz-Anleihen reicht. Galt bislang das Dogma, im Studio den Live-Moment so pur wie möglich und ohne Schnickschnack einzufangen, überzeugt „Fake“ mit originellen Arrangements, üppigeren Melodien und viel Abwechslung. „Frei“ repräsentiert diese Weiterentwicklung am beeindruckendsten. In weniger als drei Minuten springt der Song förmlich von einem Extrem zum Nächsten. „Neue Wellen“, „Niemals“ und „Explosionen“ bestechen mit einer bisher nie gehörten Klarheit und drängen sich regelrecht als Ohrwürmer auf. Man möchte fast Popmusik dazu sagen. Auch wenn man ihnen ihren leicht dilettantischen Charme immer noch nicht absprechen kann, verlassen Die Nerven mit „Fake“ ein wenig ihre Nische und zeigen endlich, was alles in ihnen steckt. Und wer mit seinen Songs ganz ohne ausgrenzende Ironie und verkopftes Schlaumeiertum gegen den Zeitgeist ansingt, der empfiehlt sich zukünftig für größere Aufgaben.

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