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13.03.2018 Autor: -pmh-

The Gathering - How To Measure A Planet?

vö: november 1998

wie soll ich da jetzt anfangen? bei jedem hören dieser über 100minütigen tour de force fühle ich mich... verletzlich. geborgen. nackt. stark. nachdenklich. optimistisch. ja, ihr dürft jetzt schmunzeln - auf jeden fall ist dieses werk für mich etwas sehr privates, wo sehr viele erinnerungen dranhängen. zum letzten mal habe ich vor etwa 5 jahren ein paar dieser songs im rahmen einer soloshow von anneke live genießen dürfen, aufgefrischt und leicht gekürzt, dennoch genauso reizvoll wie all die jahre zuvor. ebenso reizvoll (...) war die unterhaltung mit - der am selben tag wie meine wenigkeit geborenen - anneke van giersbergen, die vor der show noch ein paar minuten am merchstand zeit zum plaudern hatte. hach.

and now for something completely different - teil 1: zögerlich beginnt disc 1 mit frail, ehe die opernhafte stimme von anneke die stilistische neuausrichtung mit ihrem prägenden organ veredelt, gleichsam ummantelt und dieser wundertüte ihren stempel aufdrückt. diese stimme ist vermutlich auch das große problem, welche den zugang zu meinem alltime-favoriten sehr schwer machen wird: entweder man ist davon begeistert oder man drückt den aus-knopf, weitere alternativen sehe ich da nicht. für alle die noch drangeblieben sind - ihr werdet reichhaltig belohnt! kaum zu glauben welche entwicklung diese einst so belanglose doomband nach 1995 nahm. mitschuld daran: eine neue sängerIN und rene rutten an der gitarre, der ab sofort alleine der gitarre seine stimme gab. mandylion und nighttime birds waren schon eher am puls der zeit, versuchten sich an sphärischem gothrock mit schwerem unterbau und tollen melodien: die stimme von anneke war auch damals schon dreh- und angelpunkt, den "weiter-höher-schöner-belangloser"-trend in diesem genre gab sie aber - zum glück - nicht nach. verplaudert. great ocean road ist der erste trademark-song im neuen soundgewand: schwebend, postrockig, wehmütig - mit zahlreichen interessanten soundspielereien und zugleich zugänglich. apropos sound - der klingt auch heute noch modern und differenziert! bitte versucht NICHT auf youtube dem ganzen zu folgen, da der sound auf compact disc und dieser auf yt für mich zwei völlig verschiedene baustellen sind. am besten wirkt der doppeldecker im dunkeln, über kopfhörer und (am tag) mit dem textblatt in der hand - weil auch hier auf billige klischees verzichtet wurde: das thema raumfahrt begeistert mich ja seit der kindheit, in verbindung mit der musik wirkt dies wie ein doppelter becher schokoladeneis mit schokosirup. macht aber nicht dick! der videotrack liberty bell zeigt eher die geradlinige seite von the gathering, ist dabei aber dennoch keine schonkost oder gar simpel - eher laut und fordernd. und weniger schwermütig als der "rest" der platte.

gänsehaut? kein problem. neben den bist dato unerwähnten songs (zuwenig platz, zu wenig zeit) biegt marooned mit störgeräuschen und reduzierter lautstärke auf die zielgerade ein: warum mich gerade dieser song so fesselt kann ich nicht rational erklären - möglicherweise (?) ein fall für professor "doc brown" powder, dessen theoretischen abhandlungen im musiksektor meist lesenswert sowie schwer unterhaltsam sind. zurück in der spur, imho ist dieses stück für viele eher einschlaf(beischlaf?)hilfe denn musikalische großtat, wie auch immer. im 16:9 format rauscht dann travel durch die gehörgänge - wobei rauschen ein prima stichwort ist. aber nicht jetzt. nicht hier. ohren auf und wegschweben. besonders hier wähnt man sich schon in anderen galaxien, in fremden welten. und die sind atemberaubend schön. in der zweiten hälfte folgt dann ein satz, welcher die stimmung auf diesem album so gut wie kein anderer zusammenfasst - vorgetragen von einer intensität, bei der ich auch noch nach ca. 2000 umdrehungen noch alle zustände bekomme: i wish you knew - your music was to stay forever - and i hope.... ich weiß dass viele klassisch ausgebildete stimmen hier nur gelangweilt abwinken würden. warum ich das jetzt schreibe? keine ahnung. ist ja eine ganz andere baustelle. findet ihr seltsam? mag sein. aber vielleicht, nein, ganz bestimmt sogar, hat dieses album auch meinen musikalischen horizont erweitert und meine damals eher kleine sammlung zwischen radiohead und dismember immens vergrößert. und darin findet sich jetzt viel schönes. auch gerne mal klassische musik. aber - kein geschrei mehr.

and now for something completely different - teil 2: disc 2 ist insofern schwierig, da vor allem der erste (spröde) und letzte (überlang und experimentelle) track ihre zeit brauchen um zu wirken - und großteils instrumental ausfallen. dazwischen liegen das mit einem zauberhaften refrain ausgestattete illuminating sowie das metallisch schimmernde probably built in the fifties - DAS kernstück der zweiten halbzeit: mit verzerrtem sprechgesang eingeleitet klingt dieser longtrack teilweise wie eine futuristische reise nach den titelgebenden 50er-jahren. zurück in die zukunft. oder so. oder in die vergangenheit. und auf der suche. wonach? fragen werden keine beantwortet. auch nicht im knapp halbstündigen titeltrack, der alles ist und auch wiederum nichts. im orbit schwebend, immer wieder zupackend, dann nahe am stillstand biegt dieser brocken noch vor der halbzeitpause ab ins unbekannte. das kann man spannend oder gelangweilt beobachten, mit oder ohne teleskop. nach dieser reise völlig belanglos.

how to measure a planet? ist vor allem: triprock. eine herausforderung. laut. leise. und extrem nachwirkend.

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