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16.01.2018 Autor: animalgod

Torres - Three Futures

Was für eine Verwandlung: auf ihrem dritten Album streift die Amerikanerin Mackenzie Scott alias Torres ihr fragiles Singer-Songwriter-Gewand ab und legt mit „Three Futures“ ein facettenreiches und unheimliches Drittwerk vor. „Sprinter“, Scotts zweites Album, war und ist ein immer noch wirklich gutes, abwechslungsreiches Alternativerock-Album mit vielen herausragenden, einigen guten und nur wenigen okayen Momenten. Oder anders gesagt: es gab noch etwas Luft nach oben. „Three Futures“ erweckt nun schon fast den Eindruck, als möchte Scott die letzten beiden Alben aus ihrer Diskographie lieber ausradiert sehen. „Tounge Slap Your Brains Out“ ist eine sich behäbig vorwärts bewegende, kaum aufzuhaltende Maschine von einem Song. Es dauert nur wenige Sekunden und schon befindet man sich in den Fängen dieses Albums. „Skim“ stellt seinen gut gestählten Rhythmuskörper selbstbewusst zur Schau, in dem aber, trotz dissonanter, piepender Gitarrenlicks, ein zutraulicher, melancholischer Song verborgen ist. „Concrete Ganesha“ ist das bösartige Highlight des Albums kurz vor Ende. Auf repetitiv peitschenden Drums breitet sich ein ungestümer, atmosphärisch dichter Klangteppich aus Effekt gekoppelten Shoagaze-Gitarren und weiteren Feedbacks und Störgeräuschen aus. Passend zum sich permanent wandelnden Sound wechselt Scott in ihren Texten auch die Identitäten. Das gespenstische, visuell beeindruckend umgesetzte Video zu „Three Futures“ unterstreicht dies. Die Sängerin mimt hier die verschiedenen Rollen, die in dem Song beschrieben werden. „You didn't know I saw three futures. One alone, and one with you. And one with the love I knew I'd choose.“ singt sie im Refrain und beschreibt mit diesen Zeilen wohl eine gescheiterte Liebesbeziehung. Der pompöse und elegische Indusrialrock der frühen Nine Inch Nails ist für Scotts drittes Album genauso ein ästhetisches Vorbild, wie die späten Portishead während ihrer Neuerfindung mit „Third“. Apropos: ein Drittel der englischen Trip Hop-Helden hat sich, wie schon auf „Sprinter“ , auch hier wieder musikalisch beteiligt. Adrian Utley, der bei seiner Stammband für gewöhnlich die Rolle des Multiinstrumentalisten einnimmt , sorgt auf „Three Futures“ für die nötige, elektronische Auskleidung der Songs. „Three Futures“ ist ein von der ersten bis zur letzten Sekunde gründlich durch konzipiertes Stück Musik, das nur wenige Vergleiche zulässt und auf dem Torres den Rock mit modernen Mitteln so sehr herausfordert, wie schon lange niemand mehr. Wenn es für Mackenzie Scott derzeit ein weibliches Vorbild gibt, dann kann dieses eigentlich nur einen Namen tragen: PJ Harvey.

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