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26.09.2014 Autor: CYBERBORIS

Therapy? Troublegum

Troublegum Bewertung: 12/12
Artistprofil von Therapy?

1993 war die Zeit noch eine andere. Es gab Musikfernsehen, in dem man wirklich noch Musik entdecken konnte. Es gab viele solcher magischen Momente, in denen ich ein Video zu einem Song im Fernsehen sah, der mich total umgehauen hat. Mit feuchten Händen wartete ich dann immer auf die Einblendung von Band- und Songtitel am Ende dieses Stücks. Einer dieser Momente war das erste Mal Sehen und vor allem Hören von dem Song "Screamager" der mir bis dahin völlig unbekannten Band "Therapy?".

Sowohl der Name der Band (wieso haben die ein Fragezeichen?) als auch der des Songs hinterließen mich ratlos. Ich wusste nur, dass ich diese CD haben musste. Selten hatte ich etwas so energiegeladenes, aber dennoch melodiöses gehört. Dieser Drumsound, der mich bis heute daran erinnert, als würde er auf metallenen Drums erzeugt werden. Dazu schneidende, präzise Gitarren und ein irgendwie gefährlicher Gesang. Was singt der da? Keine Ahnung, keine Zeit drauf zu achten, denn ich muss abgehen! Durch mein Jugendzimmer! Nach langem Suchen fand ich dann die EP in einem Karstadt und ich konnte mein Glück kaum fassen. Ja, so war das vor dem Internet und vor Amazon. Die anderen Stücke interessierten mich nicht, ich hörte lieber "Screamager" rauf und runter. Endlich zahlte sich die "Repeat"-Taste meines noch recht neuen CD-Players mal aus.

Ein Jahr später kam dann das ganze Album heraus. Von der Band wusste ich nicht viel, denn die VISIONS las ich damals nicht und Internet gab es ja noch nicht. Ich weiß noch, dass ich die CD im lokalen "Top Tec" (ein nicht mehr existenter Elektronikfachmarkt, der bei mir immer noch für wohlige Erinnerungen sorgt) mit schwitzigen Fingern zur Kasse schleppte und gar nicht darauf warten konnte, sie Zuhause zu hören.

Was ich gehofft hatte, wurde wahr: Screamager war keine Eintagsfliege. Während meine immer noch feuchten Finger das Booklet herausfriemelten und ich mich über die irgendwie abstoßenden Bilder darin wunderte, ballerten mir Hit um Hit um Hit um die Ohren. "Harte Hits", nicht "Bravo Hits", die ich damals schon etwas verschämt in die tiefsten Ecken meines CD-Regals verbannt hatte. "Nowhere" kannte ich schon von MTV und es hatte mich genau so schnell am Haken wie "Screamager" ein Jahr zuvor. Für meine noch relativ zarten Ohren die richtige Mischung aus Melodie und Härte. Und dann ging es so weiter. Song für Song ein Gewinner. Vereint durch diesen einzigartigen Sound. Das war eines der ersten Male, dass ich das Gefühl hatte, ein musikalisches Zuhause gefunden zu haben.

Und das habe ich über die ganzen Jahre auch nicht verlassen. Troublegum ist ein Evergreen. Auch in diesem Moment, in dem ich die Platte höre, funktioniert sie immer noch. Und sie klingt immer noch so gut wie in dem anderen Leben, das ich 1994 gelebt habe. Ich vermisse diese Momente, in denen ich eine neue musikalische Welt für mich entdeckt habe. Entdeckungen, die so immens beeindruckten, dass man es gar nicht abwarten konnte, das entsprechende Album in der Hand zu halten. Ich höre immer noch viel Musik, aber so intensiv hat mich schon lange nichts mehr beeindruckt und ich beneide jeden darum, der solche Erfahrungen noch macht.

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