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07.09.2010 Autor: -pmh-

Steven Wilson - Insurgentes

Eine unbekannte Größe im Rockbusiness ist Mr. Wilson ja nicht – der Mastermind von Porcupine Tree und Ehrenmitglied solch illustrer wie tiefgehender Rockacts wie NO-MAN, BASS COMMUNION oder BLACKFIELD gibt sich jetzt erstmals solo die Ehre: ebenso intensiv wie der Veröffentlichungswahn im Hause Wilson nimmt sich diese Bestandaufnahme aus, spielt darüber hinaus geschickt mit der Erwartungshaltung der nicht gerade kleinen Fangemeinde und pickt sich von seinen zahlreichen „Nebenbeschäftigungsfeldern“ die grössten Körner heraus - man findet auf "Insurgentes" (dt.: Die Aufständigen) beinahe in jeder Note die Essenz von Steven Wilsons bisher erschaffenen Klangkosmos : da wäre die typische PT – Eleganz , die leichtfüssigen Arrangements von NoMan, diverse eskapistische Droneausläufer der BassCommunion … und natürlich die wunderbare Atmosphäre und Hitdichte der Blackfield-Alben. Aber macht das allein ein gutes Album aus ? Bei einem Künstler wie Diesem und der perfekten Integration der zahlreichen renommierten Gäste bzw. einiger im ersten Umlauf unauffälliger Farbtupfer im Klangbild MUSS man fast sagen: Yes! Zumindest in diesem Falle ;)

Zumal auch die Songliste durch die Bank keinen Ausfall kennt - und - trotz der verschiedensten Elemente die Reise immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt: Der Lust am (Rock)Sound . Perfide, oberflächliche Schönheit wird hier nur in Maßen geboten, zumal es Wilson gefällt sich immer wieder hinter kafkaeske Soundwällen zu verstecken und dabei den Mut zur hässlichen Fratze inmitten der anschmiegsamen Stücke ala „Harmony Korine“ , dem diverse Stimmungen durchlaufenden Epos „No Twilight within …“ oder dem für meine Begriffe viel zu kurzen Titeltrack lustvoll offeriert. Auch das instrumentale Paarlaufen (natürlich im nahezu perfekten Umfeld) und der Drang, nicht auf Teufel komm raus ein Radiohits-Sammelsurium zu erschaffen ist auf „Insurgentes“ gut nachzuhören. Ob da sich auch eine gewisse Anti-Haltung im Vorfeld aufgebaut hat? Oder "his Master´s Voice" im Gegensatz zur Musik verletzlicher & gleichsam betörender als sonst klingt ? Die Zeit, um über solch triviale Dinge nachzudenken bietet sich beim Anhören eher nicht – da ist intensives Zuhören die weitaus bessere Alternative.

Wähnt man sich nach Einfuhr des grossteils melodisch-sanftmütigen „Harmony Korine“ Auftakts noch in friedfertiger Sicherheit älterer PT-Faserschmeichler , so gibt das fragile „Abandoner“ nach und nach dem Hörer die Sporen - ein Klangerlebnis das ebenso wie der Protagonist auf einer sphärischen Wolke zu schweben scheint und inmitten der verträumten Ausrichtung mit der Struktur bricht. The Dark Side of Steven Wilson ? Auf „Salvaging“ wird sie losgelassen … aber immer mit dem süffisanten Melodiestreuer im Gepäck um sich auch bei den diversen kratzigen Momenten zurechtzufinden und nach und nach die Disharmonie in den experimentellen Phasen des Rundlings schätzen und lieben zu lernen. Dabei überspannt Wilson den Bogen manchmal zwar leicht („Get All You Deserve“ zB ist von konventionellem Songwriting und dem Einstieg in diverse Charts so weit entfernt wie Actionrabauke Jason Statham von einem Oscar), führt einen - für seine Verhältnisse eher nur gutklassigen - Song ins Programm („Only Child“); aaber darüberhinaus ist das an zahlreichen Orten in wohl langwierigen Aufnahmesessions entstandene Werk eine runde Werksschau die man gerne mit offen Armen und Ohren aufnimmt: sowohl vom Sound als auch von der wiedereinmal kongenial offerierten Produktpalette (Doppel-LP, CD+DVD, 5.1.Surroundversion) ist „Insurgentes“ der erwartete Pflichtkauf für den Musikliebhaber geworden. Die paar klitzekleinen Schönheitsfehler werden da gerne in Kauf genommen – man darf (oder sollte?) ja nicht schon beim ersten Anlauf sein ganzes Pulver verschiessen . Den eigenen Namen am Cover darf Steven Wilson zurecht & nicht ganz ohne Stolz draufpappen ...

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