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07.09.2010 Autor: -pmh-

Katatonia - Night Is The New Day

Man hat sich ja schon daran gewöhnt: die Pausen zwischen zwei Katatonia-Alben sind ja ungefähr so lang wie die Gesichter der ÖFB-Elf nach einem wiedermal verlorenen Länderspiel – und dennoch lohnt sich die Wartezeit im Endeffekt immer wieder. Und das, obwohl die letzten Ergüsse nicht mehr allzuviel mit der Band gemein hatten , welche sich noch 1993 via „Dance of December Souls“ im Doom/Death-Bereich als einer der „Leader of the Pack“ hervortat.

Gut dreieinhalb Jahre nach dem letzten Paukenschlag „The Great Cold Distance“ verkünden die schwedischen Düsterrocker nun eine neue Tagesordnung, machen jetzt also die Nacht zum Tage und erfreuen die Ohren einmal mehr mit elf Kleinoden von stilistisch unterschiedlicher Prägung: egal ob Doom, Gothrock, Düsterrock oder Progressive-Metal; getanzt wird ausnahmslos auf den Sargdeckeln der seelenlosen Moderne, die nötige Leichenblässe und die entrückte Stimmung haben Katatonia selbstverständlich im eigenen Handgepäck. Während der Vorgänger - getreu dem Titel - einem isolierte, frostig angehauchte Nadelstiche in Leib und Seele setzte, wandert das 2009er Langeisen in einem ähnlichen Trauertal : man setzt immer noch auf kurzgehaltene , prägnante Songs die den Spagat aus sinnvoller Härte, Melancholie, kleineren Programmingspielereien und der charismatischen Klarstimme von Jonas Renske gelungen vollziehen und dabei so manchen Ohrwurm von der düster-trostlosen Leine lassen. Dabei setzt das auf modern getrimmte Gitarrenspiel weniger Akzente als die vielen kleinen Details die sich schlüssig auf die perfekt eingespielten Klagelieder draufsetzen – egal ob es die Loops in „The Longest Year“ oder der relativ ruhig auf den Punkt gebrachte Rausschmeisser „Departer“ sind, die in der heimischen Bude Fans der Sisters of Mercy bis Opeth vereinen: die Stücke bleiben immer nachvollziehbar, anspruchsvoll und dabei komplex wie stilistisch durchaus vielfältig.

Man hat die technischen Möglichkeiten der letzten Jahre sinnvoll mit qualitätsbewusstem Songwriting unter einem Hut gebracht, und verziert den ohnehin schon reichen Backkatalog neuerdings mit ein paar progressiven Schlenkern um die meist sehr rasch ins Ohr gehenden Songs eine gewisse Langzeitwirkung zu verpassen & so einigen Abnützungserscheinungen vorzubeugen. „Onward into Battle“ lässt dann aber doch kurz innehalten – hat sich hier Per Wiberg (Opeth) ins Aufnahmestudio eingeschlichen und heimlich ein paar Tastentöne in den Computer eingespeist ? Nachdem aber diese wenigen „geborgten“ Sekunden nur unwesentlich von einem fast schon typischen Katatonia-Grower ablenken, hakt die Mannschaft diesen kleinen Querverweis mithilfe einer überdurchschnittlichen zweiten Halbzeit ab, die sich mit den Dynamikmonster „New Night“ und dem streicherveredelten „Inheritance“ gereifter als auch offener als je zuvor präsentiert. Und wenn man dann noch eine gänsehauterzeugende Singstimme wie die von Meister Renske in der Hinterhand hat, fällt selbst der härteste Metaller wie von Geisterhand gepackt in die Taschentuchregionen unterhalb seines Nagelbettes... Fängt die Reise mit „Forsaker“ noch relativ direkt und harsch an, so endet diese logisch weiterentwickelte TGCD - Version mit einem für gut fünf Minuten innehaltenden Statement: mithilfe Gastsänger Krister Linder schmeckt „Departer“ noch einen Zacken bitterer, trauriger, molltönender und verzweifelter als die alles andere als lebensbejahenden Mittäter im Kreise der vertonten Herbstmelancholie.

Ein paar kleinere Kritikpunke seien zum Ende hin doch noch angebracht: weder die unterkühlte (Eigen)Produktion noch das Smith-typische Artwork und die ein, zwei etwas weniger zwingenden Songs in der Albummitte lassen „Night is the New Day“ in einem makellosen Licht erscheinen. Glanz ja, aber weitestgehend ohne die nötige (Klassiker)Gloria …

(Ganz besondere) Anspieltipps: Idle Blood / Liberation / Day and then the Shade

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