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05.05.2010 Autor: Filip

Die Ärzte - Jazz ist anders

Was kann man noch von einer Band erwarten, die seit über einem viertel Jahrhundert die deutsche Musikszene mitbestimmt hat, wie kaum eine andere? Im Fall der Ärzte eine Menge. Nach ihrem letzten Studioalbum „Geräusch“, dass extrem sozialkritisch geraten war, dennoch aber noch viel Humor hatte, konnte man gespannt sein, ob sich dieser Trend vorsetzen würde, oder ob die drei Berliner eine andere Richtung gehen würden (vielleicht auch gar nichts mehr zu sagen hätten). Letztlich kann man sagen, dass sich die Superdrei treu geblieben sind, auch wenn sich Humor und Gesellschaftskritik auf diesem Album doch eher von hinten anschleichen und erst nach dem dritten oder vierten hören voll entfalten. Gut so! Seien wir doch mal ehrlich, ein Album, dass sich einem sofort erschließt, wird mit der Zeit einfach langweilig. Das wohl kritischste Lied der Platte und gleichzeitig die Vorabsingle „Junge“, ließ vermuten, dass es wie bei „Geräusch“ weitergehen sollte. Falsch! Zwar sind mit „Lasse Reden“ und „Allein“ doch noch Gesellschaftskritische Lieder vertreten, doch geht es bei den restlichen doch eher um die Banalitäten des Lebens. So ist mit dem klassischen Farin Urlaub opener "Himmelblau", ein Lied vertreten, dass einfach nur von einem Wunderbaren Gefühl handelt, dass wir alle wohl schon einmal hatten, ganz ohne Ironie. Weitere Perlen aus dem Stift von Farin U. sind „Living Hell“, das auf eine ironische Art und weise (die sich wirklich nicht jedem sofort erschließt) die „leiden“ der Popstars der heutigen Zeit (in diesem Fall Jonathan Davis von Korn) ins Visier nimmt, und „Vorbei ist vorbei“, dass einem den Mut geben soll, das Leben zu genießen, bevor es endet. Damit wären wir aber auch leider schon am Ende der Perlen. Natürlich können noch Lieder wie „Licht am Ende des Sarges“, „Lied vom Scheitern“ und „Perfekt“ genannt werden, die allesamt von Bela B. geschrieben wurden, aber hier ist leider mal wieder festzustellen: Herr B. schreibt zwar gute und solide Nummern, an das Musikalische Verständnis von Farin Urlaub reichen diese aber nur in den seltensten Fällen heran (wie z.B. bei „Mein Kleiner Liebling“ von der ersten EP „Uns geht’s prima“). Ansonsten gibt es leider zu viel Füllmaterial wie „Niedliches Liebeslied“ oder „Tu das nicht“, was die Musikindustrie auf die Schippe nehmen will, dabei aber leider ziemlich anstrengend wirkt. Zum verzweifeln bringen kann einen „Nur einen Kuss“. Eine kranke Liebesbalade, die sich so extrem vom Ärzte typischen Schema X alla „Mach die Augen zu“, „½ Lovesong“ oder „Nichts in der Welt“ unterscheidet, dass es einem schon Freude macht, aber in seiner speziellen Art und Weise doch stark an Schlager erinnert und zum einschlafen animiert. Gut gemeint aber falsch umgesetzt. Hier war es den Ärzten wohl zu wichtig sich von ihren typischen Liebesliedern abzusetzen. Wirklich lustig wird es, abgesehen von "Lasse Reden", das wirklich grandios gelungen ist, nur auf der kleinen Bonus Scheibe, auf der die Ärzte sich selbst beweihräuchern und sich dabei selber kaum schonen. Zusammenfassend kann man sagen, dass dieses Album gerade auch wegen seiner schwächen ein must have für alle ist, die sich für gut deutsche Rockmusik begeistern können. Musikalisch sehr abwechslungsreich (sogar Funk mit "Deine Freundin wäre mir zu anstrengend") und textlich über weite Strecken absolut genial. Ein stück deutscher Musikgeschichte!

Sehr zu empfehlen.

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