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10.04.2007 Autor: fichtenstein

Kings Of Leon - Because Of The Times

Bereits der 7-minütige Opener "Knocked Up" reicht, um zu wissen, dass “Because of the Times” eines dieser gaaaanz großen Album ist, ein sich wiegender Bass und wispernde Gitarren, bis der heiß geliebte Gesang mit dieser Stimme einsetzt, die sich wie würzig duftendes Holz und Single Malt um die Ohren legt. Sie singt von einem jungen Pärchen das versucht, aus einem kommenden Baby und keiner Perspektive das Beste zu machen und klingt wie das Gefühl, dass man in einem alten Wagen kriegt, wenn man eine lange beschwerliche Reise vor sich hat, aber die Sonne scheint. Auch wenn man die Kings of Leon noch gerade so unter Retrorock abheften könnte, setzt bei ihnen der Drang sich doch lieber die Originale anzuhören, den z.B. Wolfmother streckenweise hinterlassen, einfach nicht ein.
Der darauf folgende Song "Charmer" reißt mich kurzerhand aus meinem dümmlichen Grinsen und hängt sich bedrohlich an meine Fersen, begleitet von verzweifelten Schreien "She's such a charmer, oh no, she stole my karma", an diesem Song ist alles wütend, verlangend und laut und wer hier nicht versteht, was Männer so alles durchmachen, wird es wohl nie verstehen. "On Call" hat sich schon jetzt zu meinem persönlicher Favoriten entwickelt, eine Hymne, die klingt, als wäre sie irgendwo in einem staubtrockenem Tal aufgenommen worden, rechts vom Nirgendwo. Dass dieser Song nur besser sein kann, wenn er live gespielt wird ist klar und Sänger Caleb zeigt hier, wie groß seine stimmliche Spannbreite ist, indem er sich mal eben ein fast psychedelisches Singorgan aneignet, während die Gitarre wie Gänsehaut über meinen Rücken tanzt, gefolgt von Atempausen, in denen der Bass wie der eigene Herzschlag auf das Finale wartet. Im Großen und Ganzen klingt "Because of the Times" als wären die Jungs aus ihrer kleinen staubigen Gemeinde hinaus, um ihren Songs die Weite der Welt anzuheften. Der raue Charme der ersten beiden Alben hat sich mit einer größeren Einsicht vermischt und mit Texten die roh und (darf ich es sagen) lyrisch zugleich sind, wie etwa im fast schon bluesig-dreckigem "Black Thumbnail": "This thumbnail sized of a heart is black as cole Your beauty, it still brings me to my knees. Don't waste a tear on me, this is my disease" Die Weiterentwicklung von den anderen Alben hat sie nicht zu weit ab vom Schuss getrieben, sondern hat im Gegenteil dazu beigetragen, den individuellen Sound der Kings noch tiefer zu kerben. Ihre musikalischen Einflüsse fließen eben durch das Album, sowohl mit Blues und Gospel, was sich an gerade zu ätherisch und fast geisterhaft klingenden Backgroundgesängen wie in "My party" oder „The Trunk“ zeigt, als auch enge Jeans tragende Rockbands aus den 70ern mit langen Haaren, die über gefallene Mädels und gebrochene Männer singen. Kings of Leon können Lieder "True Love Way" nennen und stolpern kein einziges Mal über die Pathosstolpersteine und sie können großartige Melodien spielen, ohne Pop genannt zu werden. So offenbart sich "Ragoo" als einer dieser gern gesehenen Ohrwürmer, die man überall summt, weil er trotz der bitteren Note einfach Spaß macht, "Here's to the kids out there smoking in the streets They're way too young but I'm way too old to preach", mit dieser Stimme, die verzweifelt und weise und ironisch gleichzeitig klingen kann und diesen Gitarrenklängen, die den ganzen Schmerz erträglich machen und ach, sogar einem Glockenspiel, auch das ohne kitschig zu werden. Und immer wieder diese überraschend stimmige Mischung aus südamerkanischem Charme und dem gegenwärtigen alternativen, Indie-esquen Klängen, die in "Fans" zusammen gebracht werden, nur um im nächsten Song wieder urig in die knarrenden Schaukelstühle auf alten Verandas zurück zu blicken. "The Runner" behandelt Jesus und Railroads und volle Flaschen, ohne Klischees zu bedienen, auch das muss gelernt sein und Kings of Leon lehren es. Dieses Album dreht sich nicht mehr nur um das religiöse Leben umgeben von bluesgetränkten Bars und der armen Mittelklasse, sondern auch um das Leben auf Tour, den Fans, den Straßen, den Einflüssen und dem Heimweh. "The Trunk" läuft über mit Blues und dem Flimmern auf der Straße, wenn es so heiß ist, dass man sich nur noch im Keller verkriechen möchte, während "Cameo" wieder mit Sonnenbrille und eng sitzender Jeans am Straßenrand steht, um dem Mädel in ihrem neuen Wagen weiche Knie zu bescheren. "I guess I'll take off these great sunglasses It makes her look me in the eye before she's taken away" Der letzte Song „Arizona“ ist wie der erste Song - perfekt gewählt - aus der Sinnflut an Gitarrenmomenten für die Ewigkeit und Songtexten wie ein Blick in den Spiegel am Morgen danach, treibend hinein in die Weite, wie der Cowboy, der seine Arbeit getan hat und langsam in den Sonnenuntergang hinaus reitet. "Because of the Times" wird vielen, vielen Menschen die Erinnerung an diesen Frühling und wahrscheinlich auch Sommer untermalen, mit all diesen perfekt sitzenden Songs und weit reichenden Songlandschaften, wie ein heißer Nachmittag in einem amerikanischem Diner, mit Muddy Waters im Hintergrund und einem Root Beer vor einem, während ein Strohballen am Fenster vorbei weht... Werden wir uns am Ende dieses Jahres an dieses Album erinnern? Meine Freunde, ich prophezeie, dass wir uns noch in zehn, ach was, zwanzig Jahren an dieses Album erinnern werden.

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