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22.12.2005 Autor: phazonfreak

Depeche Mode - Playing The Angel

Organischer sollte die neue Platte sein, schmerzliche Themen behandeln (was auch sonst...), aber gleichzeitig auch irgendwie warm klingen, weshalb Mr. Gore ständig erklärte, dass er wieder zum analogen Sound hinübergeschwenkt habe. Ach, und Mr. Gahan steuerte mal nebenbei drei der Songs bei, eine waschechte Revolution im diktathaften Hause von Songtüftler Martin Lee Gore. "Mehr Demokratie wagen" kommt da einem in den Sinn und man ist etwas irritiert.

Doch das Album ist nach langen, ausgiebigen Durchläufen vorallem Eines, eine Rückbesinnung auf alte Tugenden der dunklen Electro-Pop-Rock Zeiten um die 1990-er Jahre. "Music For The Masses", "Violator" und "Songs Of Faith And Devotion" sind die Schlagworte, wobei "Violator" die größte Schnittmenge darstellt. Ein Retro-Album also? Ja und Nein, denn Depeche Mode sind immer noch in der Lage neue Ideen zu erwecken und sie interessant zu verewigen, so dass man stellenweise überrascht ist, wie neu, frisch und unverbraucht die Herren auch nach 25 Jahren Bandgeschichte noch klingen. Retro ist da nur die neueste, für diese Band wirklich noch(!) unverbrauchte Zutat, weil noch nie vorher verwendet.

"Precious" ist gleichzeitig unverschämter Ohrwurm und Grower, leicht zu unterschätzen. "John the revelator" der politische Mitsing-Groover, der besonders Live gut ankommen wird. "A pain that i'm used to" die perfekte Mischung aus düster-pulsierender Elektronik und rockendem Power-Refrain über den Schmerz. "Suffer well" hingegen zeigt die Qualität von Dave Gahan als Songschreiber, klingt aber auch nicht unbedingt anders als Martin Gores Schaffenswerke. Der bringt mit "Lilian" dann doch die Retro-Hymne schlechthin an den Start. Was im ersten Moment noch voll reinhaut, hinterlässt durch die immer aufdringlicher werdenden altmodischen Sounds einen faden Nachgeschmack. Natürlich liefert er auch wieder seine üblichen, dunklen Balladen ab, hier "Macro" und "Damaged people". Geht "Macro" noch voll in Ordnung, interessiert "Damaged people" aber irgendwann nur noch marginal. Interessant sind die zwei anderen Songs von Mr. Gahan "Nothing's impossible" und "I want it all", da sie ihren Stellenwert komplett vertauschen. Ersterer verändert sich langsam von "geil" zu "nervig", während Letzterer immer interessanter wirkt und zum großen Highlight mutiert. Das hat er dann auch mit dem grandiosen "The sinner in me" gemein, auch wenn dieser schon von Beginn an begeistern kann und wohl auch immer begeistern wird. "Introspectre" ist zu vernachlässigen und "The darkest star" schließlich ein gekonnter Abschluss des Albums.

Zutiefst ärgerlich und mir unverständlich ist aber die Verwendung der beiden Songs "Newborn" und "Free" gerade einmal als B-Seite auf den beiden ersten Singles. Während sich "Free" als äußerst interessantes Experiment eingefügt hätte, wäre "Newborn" das um Klassen bessere "Nothing's impossible" gewesen und schließlich der beste Song auf dem Album geworden und ich hätte mich hier über ein 10-er Album freuen können (übrigens hiermit Empfehlung für die Anschaffung der beiden Songs!). Mehr Autorität wagen...

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