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07.07.2005 Autor: phazonfreak

Depeche Mode ESSENTIELLES FÜR DIE PLATTENSAMMLUNG: Die Erfindung der bedeutungsschweren Elektronika-Musik

Da steht nun die Ankündigung; Ein neues Depeche Mode Album kommt im Oktober und die zur Listening-Session eingeladenen Reporter schwärmen über die dunkle Tiefe, die schon in den ersten angehörten Tracks heraufbeschwören wird. Zeit, einen längst vergessenen Klassiker der (damals vier) Jungs wieder zu entdecken:

1983 war es, und die Musik in der Zeit war voller Gitarrenattacken, Drumgewitter und agressiv-affektierten, blutroten Gewalt-Texten: Heavy Metal war auf dem Vormarsch, um den noch leidigeren, allseits präsenten Pop-Liedchen endlich Paroli zu bieten. Daneben zeichnete sich aber eine Entwicklung ab, die Keiner so erwartet hatte. Depeche Mode brachten ein neues Album heraus, das so anders als die Vorherigen war. Die Musikjournalisten, die der Band schon den fälligen Untergang nach dem langweiligen "A Broken Frame" prophezeiten, waren erstaunt bis schockiert: Vorher oftmals belächelte elektronische Musik konnte tatsächlich äußerst politisch sein. Wenn man sich das Album heute wieder zur Gemüte führt, muss man sich viel Zeit nehmen und sich lange hereinhören, die benutzten elektronischen Effekte erinnern heutzutage eher an Videospiele der 80-er Jahre. Einmal daran gewöhnt, wirken diese aber dann umso stärker. Mit 'Love, In Itself' beginnt das Album, der alles erklärende Song zuallererst "There was a time- When all on my mind was love- Now I find- That most of the time- Love's not enough- In itself". Die Entwicklung vom süßlich wirkenden, etwas unbeholfenen Elektro-Pop in den Anfängen 1981 zu dem jetzt, dem engagierten Aufbegehren. Der Song, der erstmals als Single den neuen Sound beibrachte. Und schon folgte mit dem äußerst düsteren 'More Than A Party' ein Song, bei dem das erste große Nachdenken losging. Was im Titel noch als naive Partyhymne durchgehen konnte, entpuppt sich als verstörende Hiobsbotschaft "Lots of suprises in store- This isn't a party- It's a whole lot more". Die finster-vibrierende Musik lässt keinen Zweifel, hier kann nur eine Sache gemeint sein. Spätestens nach dem immer schneller werdenden Rhythmus und dem wahrnehmbaren Fahrgeräusch eines Zuges am Ende, stehen die Nackenhaare zu Berge "The failed magician waves his wand- And in an instant the laughter's gone". Einer der schockierendsten Songs des Albums also bereits an zweiter Stelle. Nur gut, dass das folgende 'Pipeline' Ruhe walten lässt und einen aus der fröstelnden Starre herausholt. Textlich gesehen wirkt er auf dem ersten Blick wie eine Arbeiter-Hymne per Excellence, an der Brecht seine Freude gehabt hätte "Let the beads of sweat flow- Until the ends have met though- Could take a long time- Working on the pipeline", selbst eine Robin-Hood-These wird geäußert "Taking from the greedy- Giving to the needy". Nimmt man allerdings die alles entscheidende letzte Strophe hinzu "From the heart of our land- To the mouth of the man- Must reach him sometime- We're laying a pipeline" stellt sich ein sehr differenziertes Bild da, das im Zusammenspiel mit dem vorangegangenen Lied sehr tiefsinnig ist und umso mehr schockiert. Im Übrigen zeichnet sich in der Revolution selbst eine weitere Revolution ab, der Song besteht nämlich ausschließlich aus gesampelten Geräuschen und erinnert nicht umsonst stark an Kraftwerk. Die damals voherrschende Technik vorrausgesetzt, ist der Song ein Meilenstein der Sampletechnik. Das Alles kann man nämlich leicht übersehen, wenn man den vierten Song 'Everything Counts' hört, ist er schließlich DER erste große Song und DIE erste, erfolgreiche Single (vorallem in Deutschland) der Band und ein noch nach wie vor sehr beliebter Gast auf Konzerten. Nicht umsonst, sie ist schließlich ein Ohrwurm erster Klasse und der geschickt eingesetzte, Konsum-kritische Text, lädt sehr zum Mitsingen ein. Das ganze wirkt dann noch, durch den fröhlich wirkenden Einsatz elektronischer Flöten, wie ein Sonnenschein-Lied. Liest man allerdings den äußerst kritischen und zutiefst ehrlichen Text mit "It's a competitive world- Everything counts in large amounts,...The lies and deceit- gained a little more power- confidence- taken in- By a suntan- and a grin", erreicht der Song durch den starken Kontrast von Text und Musik eine subtile Wirkung, die Seinesgleichen sucht. Noch ein Klassiker des Klassikeralbums. Kommen wir schließlich zum wohl am meisten unterschätzten Song des Albums 'Two Minute Warning'. Musikalisch wieder extrem an Kraftwerk angelehnt (obwohl ein sehr grooviger Song), entfaltet er durch seinen zurecht als gnadenlos zu bezeichnenden Text und den einfach nur als puren Horror zu beschreibenden Übergang zu 'Shame', eine erneut sehr verstörende Aura "No sex, no consequence, no sympathy- You're good enough to heat/...The sun, the solitude, the cemetery- So welcome to your last". 'Shame' greift diese dann nahtlos auf, der fröstelnde Übergang dürfte nicht nur empfindliche Personen ängstigen. Schließlich ist das Thema des Songs wiedereinmal sehr schwer verdaulich und extrem hart "Do you ever get that feeling- When the guilt begins to hurt- Seeing all the children- Wallowing in dirt- Crying out with hunger- Crying out in pain- At least the dirt will wash off- When it starts to rain", wer da nicht schlucken muss, hat kein Gewissen. Die Musik spielt im Hintergrund, Dave Gahans Stimme ist klar im Vordergrund, was bei dem Text auch richtig so ist. Die Musik umspielt sehr minimalistisch, aber äußerst effektiv: Das wirre Flötengewirr am Ende der jeweiligen Strophen lässt Kälteschauer über den Rücken huschen. Und die drei zentralen harten Aussagen "Soap won't wash away your shame,…/Surgery won't improve your pain,.../Hope alone won't remove the stains- Shame" verstärken dies nur noch ins Unheimlichste. Wenigstens bekommt man dann doch noch ein wenig Hoffnung serviert "It all seems so stupid- It makes me want to give up- But why should I give up- When it all seems so stupid?". Definitiv ein Meilenstein. Gut, dass das folgende 'The Landscape Is Changing' musikalisch gesehen wieder durch den treibenden Elektro-Bass und den weichen Synthie-Effekten beruhigen kann. Wie vorher ist hier vorallem der Text das beunruhigende Moment "Thousands of acres of forest are dying- Carbon copies from the hills above the forest line- Acid streams are flowing ill across the countryside". Eine naiv-banale Ökonummer, könnte man meinen, allerdings weiß auch hier wieder der brilliante Text Lebenswahrheiten der bittersten Sorte preiszugeben "Token gestures, some semblance of intelligence- Can we be blamed for the security of ignorance?". Und unheimlich wird’s dann gegen Ende, wo durch düster-elektronische Dissonanzen das Abholzen der Wälder symbolisiert wird. Schließlich wird es Zeit für das Highlight des Albums 'Told You so', welches alles Vorangegangene sogar noch toppen kann. Die wirre Tröte zu Beginn und der grandiose Übergang zur Synthie-Melodie sind einfach überwältigend, auch in der heutigen Zeit noch. Wiedereinmal entsteht der täuschende Eindruck, dass ein fröhlicher Song kommen könnte, doch fiese Dissonanzen in der Musik und der unbestritten härteste und dunkelste Text des Albums, belehren einen sofort des Besseren "And do those feet in modern times- Walk upon the flowers- And walk upon their brothers- While the heads are busying lying low- Trying to keep to cover...oh". Die Dramatik des Songs steigert sich von diesem Zeitpunkt an immer weiter "There's one more dead with a hole in his head- He shouldn't have said all the things he said- Many tears were shed for the blood he bled" und endet schließlich in einem äußerst beängstigend-flüsternden Ausruf "Told you so!". Nie wurde politische Verfolgung so greifbar vertont, dass man vor lauter Angst selbst anfängt paranoid zu werden. Da setzt das letzte Lied wieder richtige Akzente und stimmt eine sehr ruhige Stimmung an. Die lyrische Seite setzt zudem eine sehr eingängige Miene auf "All that we need as the start's- Universal revolution (That's all!)- And if we trust in our hearts- We'll find the solutions". Was, so gelesen, sehr kitschig und naiv wirkt, kommt am Ende dieses Husarenritts allerdings sehr ehrlich und überzeugend rüber und setzt einen gelungenen Schlusspunkt. Schließlich hat das Ganze auch einen sehr schlauen, globalen Weitblick "Took a plane across the world- Got in a car- When I reached my destination- I hadn't gone far". Das sind Weisheiten, die einen sofort ansprechen.

Am Ende der CD angekommen, zeigt sich die Cleverness des Albums, ein äußerst politisches Album. Ein Album, das in dieser Form nie wieder von Depeche Mode gemacht wurde, schließlich traten spätesten nach 'Black Celebration' bis heute eher die persönlichen Themen in den Vordergrund. Die Wirkung dieses Meisterwerks sind trotzdem bis heute zu bemerken: Ob zum Beispiel Trent Reznor jemals ohne den Effekt dieses Werks so geschickt Industrial mit Rock vermischt hätte? Vorallem die treibende Musik bei 'More Than A Party' klingt sehr nach Nine Inch Nails. Und alle heutigen Künstler, zum Beispiel Radiohead, die elektronische Musik erfolgreich mit Tiefsinn füllen, müssen, wohl oder übel, irgendwann die Anfänge auf dieses Album zurückführen. Das erste politische Elektronika-Album der Musikgeschichte. Ein Klassiker eben.

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