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08.05.2005 Autor: shocker

Nine Inch Nails - With Teeth

Nach sechsjähriger Pause ("I had to get my life in order, and that took some time...") meldet sich der nun drogenfreie und nach eigener Aussage endlich glückliche Trent Reznor mit einer neuen Platte zurück. Gleich vorneweg: "With Teeth" ist all das geworden, was man sich erhofft hat: 14 prachtvolle Songs, wütend, eingängig, voller Emotionen, überraschend, frisch - und trotzdem noch immer unverwechselbar NIN. Nach dem ersten Durchhören fällt zunächst auf, wie unterproduziert, ja geradezu "stripped-down" das neue Material im Vergleich mit den mit üppigen Texturen und Effekten angereicherten älteren Songs daherkommt - das Songwriting steht hier ganz klar im Vordergrund. Und Trent Reznor ist, zum Glück auch ohne Drogen, ein begnadeter Songwriter. Die Platte eröffnet mit dem zunächst sehr ruhigen, intimen "All the Love in the World" - nur Trents Stimme, unterstützt von einem kargen Elektrobeat und einer schüchternen Pianophrase. Nach 3 Minuten schliesslich setzt ein stampfende Bassdrum ein, der Song schaukelt sich immer mehr zu majestätischer Grösse auf, Gitarren und unzählige Gesangsspuren kommen dazu. Ein mehr als ungewöhnlicher Opener und der Beweis, dass sich Trent musikalisch weiterentwickelt hat und auch "happy music" schreiben kann. "You know what you are" hingegen ist NIN wie man es kennt und liebt, wütend, brachial, mit schreiendem Trent im Chorus und massig verzerrten Gitarren - der Track hätte auch auf "Broken" gepasst. "The Collector", mit treibenden Dave Grohl Drums (öfter mal im ungeraden 7/8 Takt) und ruppiger Bassline geht in Richtung "Downward Spiral", haut rein wie Sau und macht einfach Spass. "The Hand that feeds" ist die erstaunlich radiotaugliche Pop-Rock Single und gehört zu jenen Songs, die tatsächlich mit jedem Hören immer besser werden. Nine Inch Nails meets Soulwax - und es funktioniert. Der Mittelteil glänzt mit saftigem Analogsynth-Solo und rhythmisch interessantem Schlagzeug und beweist, dass Trent trotz mehrheitlicher Reduktion auf den Inhalt noch immer grossen Wert auf den richtigen Sound und die kleinen Details legt. "Love is not enough" und "Every day is exactly the same" gehören ebenfalls zu den Hit-Songs der Platte: Einmal gehört, krallen sich deren Refrains für immer im Hirn fest, und wenn sie vorbei sind, ist man traurig und will nochmal. "With Teeth", der längste Song der CD, gehört vom Songwriting her zu den originellsten Titeln: Knochige Drums und ein verzerrter Bass schieben in Richtung des erstaunlich reduzierten Chorus, bis plötzlich der Strom abgedreht wird und nur noch Trents sanfter Gesang, Piano und das kränkste Gitarrensolo der Welt zu hören sind - und dann knallt "With Teeth" mit voller Wucht unvermittelt wieder rein. "Only", die zweite Single, startet mit gewöhnungsbedürftigen Dance-Drums, dann kommt Schicht um Schicht dazu und der Song nimmt Gestalt an und wird immer besser - der Chorus grandios wie zu "Downward Spiral"-Zeiten. "Getting Smaller", erneut mit Dave Grohls unverwechselbarem, kraftvollem Schlagzeugspiel veredelt, gehört zu den besten Songs auf der Platte, der mit Abstand (stoner-)rockigste Track: Nine Inch Nails trifft auf Queens of the Stone Age - das beste aus zwei Welten. Trent Reznor passt eben nicht nur in die depressive Industrial-Schublade, der Mann kann auch richtig klassisch abrocken. "Sunspots" hingegen, mit typischer NIN-Bassline, ist einer der schwächeren Songs, nett, aber belanglos. "The line begins to blur" mischt Samples mit Dave Grohls Schlagzeug zu einem krachend-verzerrten Industrial-Beat, weit dahinter im Raum schreit Trent, nur um im wunderschönen Chorus, eingebettet von butterweichen Gitarren, in den Vordergrund zu Wechseln. Eine Wahnsinnshymne, die süchtig macht. Das hypnotische "Beside you in time" hätte auch auf "The Fragile" gepasst und bietet üppige Klangteppiche, in denen man sich verlieren kann, bis diese nach und nach zu pulsieren beginnen und in eine Gitarrenpassage münden, die wir bereits vom "With Teeth"-Trailer kennen. Wer bis jetzt noch immer an Trent Reznors Songschreiberqualitäten gezweifelt hat, sollte mit dem intimen, brüchigen "Right Where It Belongs" definitiv überzeugt sein: Wie Reznor mit derart simplen Mitteln eine Gänsehaut zu erzeugen und Emotionen zu vermitteln vermag, ist schlicht grandios. Der Song steht "Hurt" in nichts nach und ist ein würdiger Abschluss für das rundum gelungene "With Teeth". Dass sich Nine Inch Nails nun schon seit Jahren auf einem derart hohen musikalischen Level bewegt, ist beinahe beängstigend. Trent erfindet sich mit jeder Platte neu, bleibt sich gleichzeitig treu - und macht alles richtig. Meisterhaft.

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