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24.03.2004 Autor: deathmoe

Silverchair - Neon Ballroom

Wow, welch Entwicklung: Einst als Teenie-Ausgabe von Nirvana verschrien machen sich die drei, immer noch sehr jungen, Männer auf, die Welt mit ihren Klängen, die jetzt viel weniger auf die Punk- und Post-Grunge-Formel setzen, zu erobern. „Neon Ballroom“ ist der perfekte Titel für dieses Werk: Grell und laut auf der einen Seite, orchestral und getragen auf der anderen. Auf DEN Höhepunkt der Scheibe muss der geneigte Fan oder aufgeschlossene Musikfreund nicht lange warten – nämlich nur die Zeit, die der Player braucht, um das erste Lied anzuspielen. „Emotion Sickness“ ist ein von Depression und Verzweiflung getriebenes Stück, das den Hörer knappe sechs Minuten in tiefste seelische Abgründe entführt und nicht mehr loslässt. Viele wunderschöne Melodiebögen mit vielen orchestralen Untersetzungen aus Streichern und dem Spiel des bekannten Pianisten David Helfgott paaren sich mit der immer variabler werdenden Stimme von Frontmann und Kreativkraft Daniel Johns, der sich durch das Opus schreit, fleht und wimmert. Ein Lied, das sicher mehrmals gehört werden muss, um erschlossen zu werden, dann aber immer wieder zum Verweilen einlädt. Toll! Track 2 setzt dann schon mehr auf straightes, rockiges Flair. „Anthem For The Year 2000“ rockt das Haus und jede Party, Mitgrölrefrain inklusive. Was eigentlich wie ein Partylied anmutet, ist politisch zu verstehen. Johns protestiert hier gegen die Wahl einer faschistischen Partei in Australien. Von der politischen in die eigene Seelenwelt begibt er sich dann im folgenden „Ana’s Song“. „Ana“ ist hier keineswegs der Name einer Dame, sondern die krankhafte Essstörung Anorexie, die man Johns auch deutlich ansieht. Ein wundervoller, beinahe kommerzieller Song mit Melancholie und Herz, der abrupt von „Spawn Again“ ernüchtert wird, einem in diesem Kontext eher unspannenden, harten Stück, das auf „Freak Show“ besser geklungen hätte. „Miss You Love“ aber macht diesen kleinen Fehler, wenn man es denn so nennen mag, wieder wett. Ein mit Piano begleitetes Lied mit Wut, Trauer und Hoffnung: Ganz groß! Weitere Highlights sind auf der Scheibe sicherlich die ruhigen Nummern, die kompositorisch ein ganzes Stück stärker sind als die härteren, die niemals schlecht sind, aber nicht ganz die Pace der anderen mitgehen können. „Paint Pastel Princess“, „Black-Tangled Heart“, „Point Of View” oder „Do You Feel The Same” sind außerordentliche Leistungen eines mehr als talentierten Songschreibers, den Hörer in seine Gewalt reißt. „Steam Will Rise“ beschließt eine musikalische Performance und Steigerung, die in der heutigen Zeit der Konservenmusik und der immer gleichen Strophe-Refrain-Formel ihresgleichen sucht. Meisterwerk!

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