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22.12.2001 Autor: POODLEROCKIN

Depeche Mode Songs of Faith and Devotion

Es war ein Kulturschock, damals vor acht Jahren. Da war auf einmal dieses Schwarz-Weiß-Video, das Sex und Religion miteinander verband, ein ziegenbärtiger, hagerer, langhaariger Typ röhrte "I feel you", dazu Gitarren und echte Drums, ein Song intensiv wie das Leben - und das sollten die berüchtigten Plastik-Popper der 80er mit ihrem Lederjacken-Gepose und dem Synthi-Gespiele sein?
Bis dahin hatte ich eine erklärte Aversion gegen Depeche Mode. Bis "I feel you" mich schlagartig zum Fan bekehrte. Die nächste Single "Walking in my shoes", überzeugte mich vollends, ich kaufte mein erstes Depeche Mode-Album und habe es bis heute nicht bereut.
"Songs of Faith and Devotion" ist das einzigartige Ergebnis einer Lebensphase von vier äußerst erfolgreichen Typen Anfang 30, die etwas anders machen wollten und in den drei Jahren ihrer Schaffenspause (1990-92) eine neue Intensität in ihrem Leben entdeckten; sie hatten Liebesbeziehungen, machten Erfahrungen mit Gott und Religion. Solche Erfahrungen sprengten den Rahmen von simpel gestrickten Synthi-Sounds. Depeche Mode begaben sich auf völlig neue Pfade, arbeiteten verstärkt mit klassischen Instrumenten, ohne jedoch die Synthis ganz in die Ecke zu stellen. Herausgekommen ist eine elektrisierende Mischung aus verschiedenen Stilen, ein 50minütiger Trip in die Tiefgründigkeit des Seins. Das Album sprüht vor Leben.
Es ist ein einzigartiges Zeugnis einer ganz bestimmten Gefühlsphase, so wie Nirvanas "In Utero" Kurt Cobains Gedanken und Gefühle wiedergab. Nur dass "SoFaD" nicht resigniert, sondern voller Hoffnung ist, gleichzeitig aber auch dunkle Seiten des menschlichen Seins zum Thema hat. Es beschäftigt sich mit dem Leben und seinen Facetten, mit Lebensfreude, menschlichen Abgründen und Gott - Dinge, die Antworten geben können, an denen man aber auch zugrunde gehen kann. Ein Spiegelbild von Dave Gahans damaliger Verfassung : er nahm damals Drogen und befand sich im wahrsten Sinne auf Messers Schneide, zwischen Lebenshunger und Selbstmord.
Überdies setzten Depeche Mode nebenbei auch noch neue Maßstäbe in Sachen Musik, die mit Sicherheit auch heutige Trendsetter wie Radiohead inspiriert haben (und denen DM seit "Ultra" selber vergeblich hinterherlaufen).
Das wirklich Sensationelle ist jedoch die Sangesleistung von Davan Gahan. Die ganz neue Art, wie er seine Stimme einsetzt, wie er Gefühle mal leise raunt, mal stöhnt, mal in die Welt hinausschreit - alles in fast perfektem Einklang mit den teils instrumentalen, teils computerisierten Sounds seiner (damals noch drei) Mitmusiker - lässt einem Schauer über den Rücken laufen.
Eine alte Traditionen wurde nicht über Bord geschmissen: Martin Gore kriegt seine zwei Balladen. Hier sind es das unter die Haut gehende "Judas" (inklusive Gefangenenchor) und das nur von einem Cello begleitete "One Caress".
Es ist ein Album, das man in seiner unglaublichen Intensität einfach selbst entdecken muss - die Platte, mit der Depeche Mode den Sprung in die 90er mit Bravour absolvierten, und mit Sicherheit der Höhepunkt ihres Schaffens. (Und außerdem der grandiose Gegenbeweis zu der damals aufkommenden Meinung, als Popband müsse man mit Techno-Beats arbeiten, um erfolgreich zu sein.)
(Übrigens: Mit "I feel loved" von September `01 haben DM sich selbst kopiert, hört euch den "Songs of Faith.."-Schlusstrack "Higher Love" an und macht euch euren eigenen Reim...)

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